Grunewaldturm : Ohne Aufstiegschance

Getrübte Stimmung an der Havelchaussee: Der Grunewaldturm bleibt bis auf Weiteres gesperrt. Viele der 204 Stufen nach oben haben Risse und wirken marode.

Christian van Lessen
Grunewaldturm
Ausblick ade: Besucher dürfen das Bauwerk nicht mehr betreten. -Foto: Uwe Steinert

Im Garten mit dem Havelblick stimmt schon mittags Musik auf die bevorstehende „große Salsanacht“ ein, mit der gestern „Sommer ade“ gefeiert wurde. Im Restaurant speisen zufriedene Gäste, doch vorm Haus sind Samstagmittag etliche enttäuschte Gesichter zu sehen: Ein Reisebus aus Dresden dreht sogar ab. „Turm ade“, sagt ein betrübter Kellner.

Eine Attraktion hat sich unerwartet aus der Reihe der Berliner Sehenswürdigkeiten verabschiedet: Der Blick vom Grunewaldturm ist nicht mehr möglich. Thomas Bode, der Wirt des benachbarten Restaurants im Grunewaldturm, befürchtet schon eine einjährige sanierungsbedingte Turmsperrung. Die Senatsbehörde für Stadtentwicklung hatte ihm Freitag überraschend mitgeteilt, dass der von ihm auch gepachtete Turm nicht mehr öffentlich betreten werden darf. Die Treppen seien zu marode und ein Sicherheitsrisiko. „Ich bin kein Ingenieur“, sagt Bode. „Und wenn wirklich Gefahr besteht, bin ich der Letzte, der etwas gegen die Schließung hätte.“ Genau weiß er aber nur, dass sich der geschlossene Turm nicht gut auf das Geschäft des Restaurants zu seinen Füßen auswirkt. Viele Gäste, vor allem Touristen, kommen nur wegen der Turmbesichtigung auch ins Restaurant. „Das ist schon eine Schädigung, der Turm ist sehr beliebt.“ Über 20 Jahre hat der Wirt das Gelände von den Forsten gepachtet, in letzter Zeit gab es mehrere amtliche Ortstermine, „rauf und runter“ – und nun das verordnete vorläufige Ende. Die Behörden wollen noch genauer die Schäden und die Reparaturkosten ermitteln. Offensichtlich aber sind Risse in den Betonböden der Stufen, und die Eisenverankerungen wirken nicht mehr stabil genug für eine stärkere Belastung.

Am Sonnabend informiert noch kein Hinweisschild über den Grund, weshalb der 55 Meter hohe Turm aus rotem Backstein gesperrt ist. Das soll heute nachgeholt werden. Von den Forsten und der Senatsverwaltung für Stadtenwicklung ist keine nähere Auskunft zu erhalten. Die Senatsbehörde hat die Schäden bei einem Gutachten über den Denkmalschutz des Turms festgestellt. Die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen (SPD), widerspricht am Sonnabend Angaben des Senats, ihr Bezirksamt habe das Bauwerk im letzten Jahr an die Senatsverwaltung abgegeben. „Der Turm war immer in der Verwaltung der Forsten.“

Genau 204 Stufen führen zur 36 Meter hohen Aussichtsplattform. Der Turm steht ohnehin erhöht – auf dem 79 Meter hohen Karlsberg. Der damals zuständige Kreis Teltow hatte 1897 beschlossen, das Bauwerk zum Gedächtnis an Kaiser Wilhelm I. zu errichten und mit der Planung den Geheimen Baurat Franz Schwechten beauftragt. Der Turm war 1899 fertig, im Stil märkischer Backsteingotik, drei Jahre später kam in der Gedenkhalle des Erdgeschosses ein Standbild des Kaisers hinzu. Als Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisturm war das Bauwerk bis nach Kriegsende bekannt, Havel-Ruderer sollen ihn respektlos mit „Herrn Lehmann“ gegrüßt haben. Nach Kriegsende wurde der Bau an der Havelchaussee als Grunewaldturm populär.

Die letzte umfassende Sanierung soll Anfang der fünfziger Jahre gewesen sein, allerdings gab es mehrmals Ausbesserungen und einen neuen Anstrich an der Aussichtsplattform. Wirt Bode ist zuversichtlich, dass die Gäste ihm trotz der verbotenen Sicht von ganz oben treu bleiben. Ein schöner Havelblick lässt sich immerhin auch von Gastraum, Terrasse und Garten aus genießen.

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