Berlin : Gruppentherapie am Rande des Wahnsinns

Ohne Drehbuch wurden Heike Makatsch, Jürgen Vogel und Florian Lukas für „Keine Lieder über Liebe“ aufeinander losgelassen. Das gab Spannungen

Lars von Törne

Sie mögen die Stars des neuen deutschen Films sein. Aber ihr Musikgeschmack ist von vorgestern. Als Heike Makatsch, Jürgen Vogel und Florian Lukas am Montag nach der Premiere ihres Berlinale-Films „Keine Lieder über Liebe“ gefragt werden, welches denn ihre persönlichen Lieblings-Lovesongs seien, da fallen die Antworten so aus, dass eine Reporterin Jürgen Vogel spontan anfährt: „Von Ihnen hätte ich einen besseren Musikgeschmack erwartet.“

Was er falsch gemacht hatte? Er hatte auf der Pressekonferenz erst Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ und dann auch noch Heintjes „Mama“ als seine Allzeit-Favoriten genannt. Und sich dann, nachdem sich Makatsch zu Dolly Partons „Joline“ und Lukas zu „Don’t Look Back In Anger“ (Oasis) bekannt hatten, auch noch mit den Worten verteidigt: „Heintje bewegt mich heute noch.“

Im Film des Trios geht es, Heintje zum Trotz, alles andere als hausbacken zu. „Keine Lieder über die Liebe“ ist ein schneller, harter, halbdokumentarischer Spielfilm, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität schon beim Drehen verschwommen sind, wie Makatsch erzählt. „Die Spannungen, die man im Film sieht, haben wir alle selbst erlebt.“ Regisseur Lars Kraume habe seine drei Protagonisten aufeinander losgelassen mit der Maßgabe, die grob angedachte Geschichte in vier Wochen selbst zu entwickeln. Da es um eine Dreiecksbeziehung geht, habe sich im Team eine Dynamik „wie in einer Psychotherapie“ entwickelt, erzählt Florian Lukas. „Es gab kein Tabu, 20 Stunden am Tag wurde gedreht, und irgendwann hatte man Angst, dass die Kamera einem auch aufs Klo folgt“, sagt Jürgen Vogel. „Das war am Rande das Wahnsinns“, sagt Lukas. Makatsch nickt und lacht ihr Heike-Makatsch-Lachen.

Strahlend sitzt sie zwischen ihren beiden grau gekleideten und ernst dreinblickenden Kollegen und sagt doch ernstere Sachen als beide zusammen. Der Film, in dem es vordergründig um die Tour einer Rockband und tatsächlich um die Entfremdung in Beziehungen geht, erzählt auch etwas von ihr, sagt die Schauspielerin, die sich kürzlich von ihrem langjährigen Freund getrennt hat. Nach sieben Jahren ist sie aus London nach Deutschland zurückgekehrt, seit Juni wohnt sie in Prenzlauer Berg. „Beziehungen basieren auf Hoffnung und auf der Illusion, zueinander ehrlich sein zu können“, sagt sie. Zerbreche eine Beziehung, „nimmt das Kraft für die nächste Liebe“. Jetzt lächelt Heike Makatsch nicht mehr. „Vielleicht haben wir einfach verlernt, verantwortungsvoll zu lieben“, sagt sie traurig.

Bevor auch diese Pressekonferenz zur Therapie zu werden droht, meldet sich der Frager wieder, der anfangs die Lieblingssongs der Schauspieler wissen wollte. „Gab es eine Drehgenehmigung für die Szenen im Wattenmeer?“, fragt er. Da lacht Heike Makatsch wieder.

„Keine Lieder über Liebe“ läuft im Berlinale-Panorama am heutigen Dienstag um 11.30 Uhr und am Freitag um 17 Uhr. Im Herbst kommt der Film in alle Kinos.

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