Berlin : Gudrun Lechliter (Geb. 1953)

Sie lernte, wie viele Streifen die US-Flagge trägt, wer der erste Präsident war.

Tatjana Wulfert

Do not go gentle into that good night, schreibt Dylan Thomas. Geh Du nicht sanft in jene gute Nacht.

Jerry Lechliter sitzt am Schreibtisch, vor dem Bildschirm, denkt an das Gedicht, an gentle, an that good night, horcht, ob er Geräusche hört, aus Gudruns Zimmer, möchte sie etwas trinken, hat sie Schmerzen, schaut wieder auf den Computer, sagt laut das Wort No, tippt entschlossen die Zeile: She went not gentle into that dark night, but raged. – Sie ging nicht sanft in jene dunkle Nacht, sondern wütend.

Jerry schreibt einen Nachruf für Gudrun. Sie haben darüber gesprochen. Er möchte, dass sie weiß, wie sehr er sie liebt, wie sehr er sie vermissen wird.

Vor dreißig Jahren ist Gudrun mit Jerry gegangen, von Wilmersdorf, Berlin, nach Sierra Vista, Arizona.

Jerry war stationiert in Berlin, bei der U. S. Army, trank nach Dienstschluss bisweilen ein Bier im legendären „Folkpub“ in Charlottenburg, hörte den Musikern auf der Bühne zu und bemerkte eines Tages jene junge dunkelhaarige Frau. Gudrun und Jerry redeten miteinander, sie in dürftigem Schulenglisch, er in kaum besserem Deutsch. Doch wollten sich beide wiedersehen nach diesem Abend. Eine erste Verabredung, es folgte die zweite. Immer häufiger sahen sie sich, erzählte der eine von den Wäldern, den Wüsten, den großen Seen, von den Wolkenkratzern in der Stadt, den flachen Häusern, den Gärten ohne Zaun auf dem Land; die andere von der Kindheit zunächst zu fünft in zweieinhalb, später zu dritt in eineinhalb Zimmern, von der Frauenfußballmannschaft des 1. FC Wilmersdorf, den Pferden, die gestriegelt und longiert werden durften, da ein Onkel und ein Cousin auf der Trabrennbahn arbeiteten; davon, dass die Mutter richtigen Reitunterricht nicht bezahlen konnte, der Vater vor ihrer Geburt schon verschwunden war.

1979 machten sich Gudrun und Jerry auf den Weg, fort aus dem milden vertrauten Berlin, über den Atlantik, nach Arizona, dürre Steppen, Riesenkakteen, Canyons, soweit Gudruns Augen reichten. Sie heirateten, Gudrun lernte für den Einbürgerungstest, wie viele Streifen die US-Flagge trägt, wer der erste Präsident war, wer die Nationalhymne schrieb, hielt nach eineinhalbstündiger Befragung ihren amerikanischen Pass in den Händen. Und jetzt, sagte Jerry, zeige ich dir dieses Land. Sie fuhren von der Ost- zur Westküste. Nicht einen Moment bereute Gudrun, ihr altes Leben, ihren Job zurückgelassen zu haben. Mochten manche Leute denken, sie sei nur noch Hausfrau. Unsinn dieses Gerede, wusste sie, sie war glücklich. Und hielt dennoch inne. Die Mutter war weit weg. Gudrun erzählte Jerry von ihrer Sehnsucht, ihrer Sorge. Jerry bat um die Versetzung nach Deutschland, Bonn. Nur 600 Kilometer waren es jetzt bis Berlin.

Gudrun und Jerry reisten viel in diesen dreißig Jahren, von einem zum nächsten Militärstützpunkt, lebten in Kalifornien, North Carolina, New Jersey, Washington, auch in Heidelberg, Garmisch und eben Bonn. Gudrun sprach inzwischen Englisch ohne Akzent, Jerry konnte sich auf Deutsch unterhalten mit Gudruns Verwandten und Freunden.

Niemals hat Gudrun an einer Zigarette gezogen. Warum also Lungenkrebs? Die Frage führt ins Nichts. Während der Chemotherapie fielen Gudrun die Haare aus, Jerry ließ sich eine Glatze schneiden. Gudrun aß wenig, spezielle, vom Arzt verordnete Dinge, Jerry nahm nur noch das zu sich, was Gudrun essen durfte. Sie liefen jeden Morgen gemeinsam am Strand entlang, durch den weichen Sand, über Dünen. Schauten auf den Atlantik. Er fuhr mit ihr nach Berlin. Sie kauften eine Wohnung, nahe den Straßen ihrer Kindheit. Es half nicht.

Jerry nimmt die beschriebenen Seiten aus dem Drucker, setzt sich an Gudruns Bett. Liest. Gudrun schließt die Augen. Hört. Öffnet die Augen wieder. Blickt Jerry an, still und zärtlich. Einige Tage später ist sie tot. Tatjana Wulfert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben