Berlin : Günter de Bruyn: Preußens Luise: Wer nie sein Brot mit Tränen aß

Andreas Conrad

Die strenge Oberhofmeisterin, Gräfin von Voß, war sichtlich schockiert, aber was genau hat sie gerufen? Klang es entsetzt ("Königliche Hoheit, um Gotteswillen, was haben Sie getan?") oder nur empört ("Mein Himmel! Das ist ja gegen alle Etikette.")? Der Fantasie der Geschichtsschreiber waren keine Grenzen gesetzt, immerhin wird der geschmähte Fauxpas einheitlich überliefert: Prinzessin Luise, siebzehn Jahr, blondes Haar, war bei ihrer Ankunft als Braut des Kronprinzen Unter den Linden von einem weißgekleideten Bürgermädchen mit einem Gedicht begrüßt worden und darüber so gerührt, dass sie das junge Ding umarmte und gar küsste. Das war am 22. Dezember 1793. Ihr Bräutigam, der spätere König Friedrich Wilhelm III., wird wohl wieder nur "Mir fatal!" gebrummt haben, als er davon erfuhr. Das Volk aber war begeistert. Unwissentlich hatte Luise den Grundstein zu ihrer Legende gelegt.

Eine hübsche Anekdote, ein Gottesgeschenk für Historienmaler und Biografen, farbig zu schildern und leicht auszuschmücken. Genau das tut Günter de Bruyn in seinem Buch über "Preußens Luise" nicht. Die Episode wird eher beiläufig serviert, im Ton nüchtern, fast spröde, weit entfernt von aller Schwärmerei, wie sie Biografen immer wieder befallen hat, wenn es um Luise ging. Auch die anderen Fixpunkte im kurzen Leben der Königin - die blutjungen Schwestern Luise und Friederike am Brunnen im Hof des Hauses von Goethes Mutter, Luise beim Erntefest in Paretz oder auf der Flucht über die Kurische Nehrung, die Szene aus dem Kriegswinter 1806/07, als sie mit ihrem Diamantring Goethes Vers "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" in die Fensterscheibe einer Bauernhütte geritzt haben soll, ihr Treffen mit Napoleon in Tilsit, der frühe Tod 1810 in Hohenzieritz - werden von de Bruyn eher gestreift als geschildert, interessieren ihn weniger als historische Tatsachen denn als Topoi eines schon zu Lebzeiten entstandenen und nach dem Tode fleißig weitergesponnenen Mythos.

Genaugenommen führt der Titel des schmalen Bandes in die Irre, handelt er doch eher "Vom Entstehen und Vergehen einer Legende" als von der schönen Preußin selbst. Persönliche, soziale und politsche Faktoren kamen hier in ausgesprochen günstiger Konstellation zusammen: Luises vielgepriesene Anmut, ihre Natürlichkeit jenseits aller Hofetikette, das seine Entsprechung fand in zunehmender Wertschätzung bürgerlicher Tugenden, ihr früher Tod, der seinen Grund in Preußens Niederlage zu finden schien, wenige Jahre später der erneute Aufstieg des Landes in den Befreiungskriegen und, als Höhepunkt des deutschen Nationalismus, die Kaiserkrönung von Luises Sohn Wilhelm 1871.

Die Legende folgte diesen historischen Veränderungen, passte sich ihnen an, oder genauer: wurde ihnen angepasst. "Der Mythos sollte eindeutig und handhabbar sein", schreibt de Bruyn, und so wurden eben, je nach Bedürfnis, unpassende, das entworfene Frauenideal störende Details aus Luises Leben verschwiegen - oder aber betont, wenn dies den Gegnern des Luise-Kults vorteilhaft erschien. Anfangs rühmte man vor allem ihre Anmut, die Liebe zu Ehemann und Kindern. Mit Preußens Niederlage gegen Napoleon kamen ihre Leidensfähigkeit hinzu, die im vermeintlichen Opfertod, dem Sterben an gebrochenem Herzen gipfelte. Vor dem Hintergrund der Befreiungskriege wurde sie gar zur "preußischen Madonna" stilisiert, eine Bannerträgerin des deutschen Patriotismus. "Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache. Luise sei das Losungswort der Rache", reimte Theodor Körner, woran Luises Sohn Wilhelm anknüpfte, als er am Vorabend des Frankreich-Feldzuges 1870 demonstrativ das Charlottenburger Mausoleum aufsuchte.

Seine Blütezeit erreichte der Luise-Kult zur Kaiserzeit, die tote Königin wurde "eine Art Ursprungsmythos" des Deutschen Reiches, gerühmt bei unzähligen Luisen-Feiern, fester Bestandteil des Schulunterrichts, empfohlen als "hohes Beispiel weiblicher Tugend". Die Legende sollte das Ende der Hohenzollern-Herrschaft überdauern. Das Luise-Bild erhielt in der Weimarer Republik neue Facetten: Die Königin wurde in der Romantrilogie "Ein Volk wacht auf" von Walter von Molo sogar eine "politisch aufbegehrende republikanische Deutsch-Nationale", wie de Bruyn feststellt, und die Deutschnationale Volkspartei selbst machte mit ihrem Porträt 1920 sogar Wahlwerbung. Erst die Nazis konnten mit ihr nichts mehr anfangen. Statt auf den Luisen-Orden, mit dem Friedrich Wilhelm III. 1814 Frauen ehren wollte, die "den Männern unserer tapferen Heere ... in pflegender Sorgfalt Labsal und Linderung" gebracht hatten, setzte man aufs Mutterkreuz. "Die schöne Dulderin", urteilt de Bruyn, "wurde in einer Zeit, die männliche Kraft und Härte zu ihren Idolen machte, nicht mehr gebraucht."

Auch das Kino hat sich früh um Luise bemüht, mit wechselndem Erfolg. Erste Auftritte hatte sie 1913 und 1927 in Stummfilmen, der erste Tonfilm folgte am 4. Dezember 1931 mit der Premiere in Berlin: "Luise, Königin von Preußen", unter der Regie von Carl Froelich, in der Titelrolle Henny Porten, ihr zur Seite Gustaf Gründgens. Ein Publikumserfolg, an den Wolfgang Liebeneiners "Königin Luise" von 1957, mit Ruth Leuwerik und Dieter Borsche, nicht mehr anknüpfen konnte. Zu Recht, findet de Bruyn, vermochte doch der Film seinen hohen Anspruch, Luises Verwandlung zur pazifistischen Demokratin, "mit seinen sentimentalen Schablonen nicht einzulösen". Ohnehin habe er mit einer noch lebendigen Luise-Verehrung gerechnet und an "Kenntnisse und Gefühle" appelliert, "die die meisten Zuschauer nicht mehr hatten".

Für Günter de Bruyn war der Mythos damit erledigt, in der Berliner Preußen-Schau 1981 nur noch ein Randaspekt und in einer parallelen Ausstellung gar eine Kuriosität wie die Langen Kerls oder Teltower Rübchen. Dass der Autor vor "überlegenem Lächeln" gegenüber den Luise-Jüngern der Vergangenheit warnt, da "die Entlarvung von Mythen nicht deren Ende, sondern nur ihren Wechsel bringt", ehrt ihn. Ob die Luise-Legende aber wirklich so mausetot ist, wie er glaubt, sei bezweifelt. Denn es schleiche sich in einen Zeitungstext wie diesen nur eine winzige Ungenauigkeit über die Königin ein: Entrüstete Leserbriefe sind garantiert.

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