Berlin : Günter Mentzel (Geb. 1936)

Ein Berühmter im Ruhestand. Ein Maurer aus Steglitz.

Judka Strittmatter

Er war keiner von denen, die sich feiern lassen für nichts, von denen gibt es genug. Doch an einem Tag im Jahr genoss er die Lorbeeren von einst und ließ sich loben von den Regierenden Berlins. Die Zeit davor und danach war er wieder Berühmter im Ruhestand und Maurer aus Steglitz.

Der Ausnahme-Tag war der 17. Juni, „Urlaub“, sagt seine Frau Ruth, „gab’s nur davor oder danach“. Der 17. Juni 1953 gab Günter Mentzels Leben starke Prägung.

Ein Bursche aus Mitte ist er seinerzeit, gerade 17 und Lehrling im „Block 40“, einem Arbeitertrupp, der an der Stalinallee mauert. Den gestandenen Männern dort fällt er als Ungestümer auf, sein Sohn erzählt: „Mit dem Mundwerk war er sowieso vorneweg.“ Gepaart mit dem Gerechtigkeitssinn kommt das in seiner Truppe gut an. Denn die Normerhöhungen des Politbüros damals: absolutes Unrecht. Illusorisch, menschenfeindlich. Ein Streik wird geplant, Block 40 geht in Berlin voraus. So wird Günter jüngster Streik-Anführer. Aber als dann Steine fliegen, Menschen sterben, Panzer rollen und die Meuternden skandieren „Ulbricht, Pieck und Grotewohl, dass euch drei der Teufel hol’“, ist Günter Mentzel runter von der Straße. Demonstrieren – ja, Steineschmeißen – nein, der Maurerlehrling hängt an seinem Leben. Das soll hernach jedoch erstmal beschwerlich werden: Denn nach dem 17. ist der gesamte Block 40 bei den Bonzen unten durch. Die Männer bekommen keinen Job mehr, auch Mentzel nach der Lehre nicht. Er schlägt sich in anderen Branchen durch, in Holz- und Schokoladenfabriken. 1955 bepöbelt er einen Vopo. Fein mit der Zunge war er nie. Neun Monate geht er dafür in den Bau, und als er rauskommt – rüber nach Westdeutschland.

Hier geht er auf die Walz und findet Ruth, sie heiraten, wechseln von Neuss zurück nach Berlin, und Günter macht sich als Maurermeister selbstständig.

Dann, 1977, ein schwerer Unfall auf der Baustelle, eine Wand fällt um, erwischt ihn, das rechte Bein ist hin, und Maurer Mentzel ist auf lange Jahre stillgelegt. Beschwert hat er sich nie, auch nie gejammert. Anfang der Neunziger ein Aufbäumen nochmal, er will zurück in den Beruf, wird Lehrausbilder. Es bleibt bei ein paar Jahren. Das Schicksal wirft der Familie keine Glückspakete nach: Auch Ehefrau Ruth muss später in den Rollstuhl, Arthrose. Doch Rückzug in den Trübsinn? Nein. Eisern nimmt Günter Mentzel seine Feierstunden wahr, wird auch zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue geladen und macht nochmal den Lauten: Als Finanzminister Eichel 2005 drei große Fototafeln von seinem Ministerium, abmontieren lässt. Nach vielen Jahren streikt Mentzel wieder. Die Bilder stammen schließlich aus seiner großen Zeit, vom Volksaufstand. Bis heute sind sie nicht zurück.

Wann immer der 17. Juni im Jahre näher rückte, machen sich Journalisten auf die Socken, Zeitzeugen ausfindig zu machen. Rund um diesen Tag klingelte auch bei Mentzels oft das Telefon. Einmal sogar aus Japan, das Fernsehen machte eine Reportage. Beim Anschauen der Kassette frotzelt Mentzel in Mentzel-Manier: „Ich bin da länger zu sehen als der Willy Brandt!“

Aufrecht, erzählen Sohn und Frau, ging er ins Krankenshaus, aufrecht wollte er da wieder raus. Ein Blutgerinsel im Gehirn. Von dem konnten ihn die Ärzte noch befreien, doch gegen die Lungenembolie waren sie machtlos. „Operation gelungen, Patient tot“, sagt seine Frau und gibt zu, dass beide im Umgang miteinander dem herben Humor den Vorrang gaben. „Deshalb haben wir auch keine Freunde.“ Dem ist bestimmt nicht so, doch krude Leidenschaften gab’s noch mehr: „Ich sage nur, Heuschrecken und Ameisen, geröstet, aus dem KaDeWe“, sagt Mentzel junior.

Der Vater wird auf dem „Ehrenfeld des 17. Juni“ beerdigt. Im Wedding, Friedhof Seestraße. Und das genau an seinem Tag, bei dem ihm das Dabeisein über alles ging: am 17. Juni. Judka Strittmatter

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