Berlin : Günter Oppert (Geb. 1930)

"Was meinen Sie, wofür ich diesen Haufen Stroh beschafft habe?"

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Erzählen wir von der Fahrt in den Skiurlaub, dann kann man sich vorstellen, wie unser Vater war“, sagen die vier Geschwister Oppert.

Die bevorstehende Skireise weckte Hochgefühle unter den Kindern. Endlich unternahmen sie auch einmal so etwas Schickes, Sportliches, genau das also, wofür ihr Vater sich am allerwenigsten interessierte.

Beschwingt kletterten sie in einen der drei oder vier Gebrauchtwagen, die Professor Günter Oppert vor allem zum Zwecke der Reparatur gekauft hatte.

Der war beim Packen seiner Ferienlektüre auf eine aufregende Formel gestoßen und ließ auf sich warten. Dann, endlich, als die Kinder allesamt wieder auf Toilette mussten und Hunger und Durst litten, stieg er dazu: Ein freundlicher Herr mit rundem Gesicht, der mindestens zwei Brillen gleichzeitig auf dem Kopf trug und über den Brillen gerne eine Schirmmütze, weil er sich so oft stieß. Die vielen Westentaschen seines Anzugs waren vollgestopft mit Stiften, Schraubenziehern, Radiergummis und Rechenschiebern.

Dass der Wagen während der Reise ab und zu stehen blieb, störte ihn nicht. Wenn man immer mal wieder etwas zu reparieren hat, wird die Fahrt nicht langweilig!

Warum feixten die anderen Winterurlauber auf der Überholspur so? „Sie lachen uns aus“, informierte die Schar auf der Rückbank, „wegen der Ski auf unserem Autodach. Wer hat schon Ski aus Holz und mit Lederbändern? Guck mal, was die anderen haben: So sehen richtige Ski aus, bunt und aus Plastik.“ Günter Oppert schaute flüchtig hin und sah: teuer, fragwürdige Qualität, schlecht zu reparieren. Dafür Geld ausgeben: unlogisch. Er aber war ein Freund der Logik.

„Zieh die Schneeketten auf“, bat seine Frau, als es bergan ging. Günter Oppert ließ den Wagen ein paar Mal rückwärts rutschen. Er musste wissen, ab welchem Steigungsgrad ein Auto ohne Schneeketten nicht mehr weiterkommt und warum. Nachdem er sich Gewissheit verschafft hatte, stieg er aus, verlor beim Aufziehen der Ketten seinen Schlüssel im Schnee und beim Suchen nach dem Schlüssel sein Portemonnaie.

Man darf sagen: Er wurde zum Wissenschaftler geboren. Woher er diese Gene hatte, weiß niemand. Sein Vater war ein einfacher Maurer, der den Sohn nie zu einer akademischen Karriere aufgestachelt hat. Dennoch schrieb Günter von der ersten Schulklasse an bis zu seinem Abschluss ein „i“ für „Ingenieur“ auf seine Hefte.

Mit neun Jahren baute er seinen ersten Radioapparat. Mit 23 Jahren hatte er seine erste Dozentenstelle. Da lagen hinter ihm: eine Lehre zum Flugmotorenschlosser, eine zum technischen Zeichner, das Diplom zum Maschinenbau-Ingenieur und ein Weltkrieg.

Den Wahn der Nazis bezeichnete der Mann mit dem „i“ hinter dem Namen später schlicht als große Dummheit. Er sah Berlin zusammenstürzen und viele Menschen sterben. Er verlor seinen Bruder. Die Explosion eines Blindgängers jagte fünf Granatsplitter in seinen Körper und band ihn für zwei Jahre an Krücken.

Doch sein schlagendstes Anti- Kriegsargument lautete: „Wenn ein Land Krieg führt, verliert es seine besten Wissenschaftler!“

So viel wie möglich wissen, so viel wie möglich verstehen, diesen Drang in ihm haben die Nazis nicht dämpfen können. Das „i“ hinter seinem Namen hätte ebenso gut für „interessiert“ stehen können. Günter Oppert, interessiert: Das wäre die kürzeste Formel für seine Persönlichkeit.

Seine Nachkommen haben irgendwann den Überblick über seine Betätigungen und akademischen Titel verloren. Sicher ist: Er hatte ein Diplom in Maschinenbau, eins in Bauingenieurswesen, eins in Verfahrenstechnik und eins in Chemie. Per Fernstudium studierte er außerdem Werkstoffkunde, Hochfrequenztechnik und wahrscheinlich noch einige andere Fächer. Er konstruierte eine Zuckerfabrik in Japan, baute Kälteanlagen und zeichnete Baupläne für die Einfamilienhäuser von Freunden. Er dozierte an der Technischen Fachhochschule und wurde von der TU zum Professor berufen. Zudem unterrichtete er auf dem Gebiet der Thermodynamik und Kfz-Technik.

Auf sein Betreiben hin wurde auf dem Dachboden der Hochschule ein eigenes Labor eingerichtet, das wegen des hohen studentischen Andrangs bald verlegt und vergrößert werden musste. Sehr lebensnahe Experimente führte er hier durch: „Was meinen Sie, meine Damen und Herren, wofür ich diesen Haufen Stroh beschafft habe? Na? Für die Herstellung von Strohrum natürlich!“ Die Naturwissenschaften sind nichts Abgehobenes, nicht für Günter Oppert: Sie sind ein anderer Ausdruck für das Leben selbst, ein Extrakt gewissermaßen.

In seinem Keller daheim stapelten sich unzählige Radioapparate, Mikroskope, Uhren, Tonbandgeräte, Motoren, Generatoren und Bücher über Bücher: Formelwerke, aber auch solche über den amerikanischen Bürgerkrieg und andere Vorkommnisse der Menschheitsgeschichte.

Wenn die Kinder abends in ihren Comics lasen, entspannte sich der Vater auf dem Sofa genüsslich bei einer frischen Zahlentabelle. Er liebte seine große Familie, schimpfte kaum. Wohlwollend beobachtete er die Kleinen beim Ausräumen der Schubladen. So fängt jeder Forscher an! Nur seine Frau musste er ab und an rügen. Etwa, wenn in der Küche ein Wasserkessel pfiff. Wusste sie denn nicht, wie schädlich der Wasserdampf für den Motor ist, den er soeben auf dem Küchentisch abgelegt hatte? Bald wusste sie es, und bald wusste sie auch, wie man Motoren und Generatoren aus der Küche verbannt: Tee kochen.

Mit engelsgleicher Geduld versuchte er seinen beiden Töchtern, die Mathematik näherzubringen. Dass sie dennoch kapitulierten, nahm er freundlich hin und schloss seine Hilfsversuche mit einem letzten weisen Rat, der an dieser Stelle an alle anderen mathematisch Verzagten weitergegeben wird: „Wenn im Mathematikunterricht mal eine Pause entsteht, melde dich und sage dies: Die Differentialrechnung ist die Umkehrung der Integralrechnung. Lerne das auswendig. Dann gibt’s keine Sechs.“

Ein Granatsplitter in seinem Hals wanderte mit den Jahren immer weiter Richtung Kehlkopf, so dass er am Ende nur noch sehr leise sprechen konnte und das Unterrichten aufgab. Seine Frau freute sich auf die Ruhe, die das Rentenalter bringen würde.

Er wollte sie nicht enttäuschen und mühte sich im Haushalt, während sie arbeiten ging. Zurück zu Hause, fand sie die vom Wäscheständer abgenommenen Kleidungsstücke überall verteilt: „Zum Nachtrocknen“, wie er ihr erklärte. Ebenso stand das saubere Geschirr aus der Spülmaschine „zum Nachtrocknen“ überall herum. Sie verstand nicht. Er lieferte ihr äußerst logische, jedoch für den Normalsterblichen unverständliche Erklärungen. Mit dem Staubsaugen wartete er immer, bis sie da war: „Es macht doch keinen Sinn, wenn ich sauge, bevor du kommst, weil, wenn du kommst, dann wirst du neue Partikel hereintragen.“

Schließlich traf seine Tochter ihn zufällig auf dem Campus der TU, wo sie ihren Mann abholen wollte, der dort studierte. „Papa, was machst du denn hier?“ Er gestand ihr, dass er das Studium der Chemie aufgenommen habe, heimlich. „Sag Mama nichts davon. Sie möchte doch so gerne, dass ich ruhiger werde. Aber Chemie studieren war immer schon mein Traum!“ Klammheimlich brachte er es bis zum Doktor.

Besonders glücklich erlebten die Kinder ihn auf dem Familiengrundstück im Harz. Da hatte er einen Traktor, von dem er fröhlich herunterwinkte, ein Mann in kurzen Hosen, mit untrainierten, kalkweißen Beinen, auf dem Kopf das, was er gerade gegen die Sonne gefunden hatte, ob es nun die Mullwindel eines Enkels war oder ein Strohhut mit Blümchenband. So gefiel ihm das Alter: Traktor fahren, mit den Enkeln Motoren und andere Zauberwerke zerlegen und bestaunen, abends ein gutes Formelbuch. Im Kopf trug er ein ungeschriebenes Werk zur Thermodynamik mit sich herum: Das Verhalten der aufsteigenden Sauerstoffblasen im siedenden Wasser – das fehlte der Welt, und er wollte die Lücke bei Gelegenheit unbedingt schließen. Er kam nicht mehr dazu.

„Wenn ich mal sterbe, dann wünsche ich mir, dass ich einfach einschlafe“, hatte er einmal zu seinem Sohn gesagt. Genau so kam es. Ein Arzt schickte ihn wegen seines schwachen Herzens ins Krankenhaus. Dort starb er für alle überraschend mitten im Schlaf. Sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Anne Jelena Schulte

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