Berlin : Günter Schabowski: Kein Gefolgsmann eines Kandidaten

Hans Monath

Als Abtrünniger oder gar Verräter an der guten Sache gilt Günter Schabowski in PDS-Kreisen schon lange - schließlich hat er öffentlich einen Prozess der Abkehr von den Idealen der DDR-Diktatur vollzogen. Seit das ehemalige Politbüro-Mitglied der SED sich aber dem CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel als Berater in Geschichtsfragen zur Verfügung stellt, brennen bei den alten Genossen die Sicherungen durch. Mit Worten wie "Du altes Schwein, du Lump" beschimpfen Anrufer den ehemaligen SED-Funktionär seither am Telefon. Aus dem sächsischen Tonfall der Empörten schließt Schabowski, dass er es mit einstigen SED-Kadern zu tun hat, verriet er am Montagabend auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 40. Jahrestag des Mauerbaus.

Sollte sich der ehemalige Chefredakteur des "Neuen Deutschland" je Sorgen gemacht haben, ob ihm, dem ehemaligen Kommunisten und verurteilten Verantwortlichen für den Schießbefehl, aus dem konservativen Lager ähnliche Ablehnung entgegenschlagen würde, so dürfte ihn der Abend in der Adenauer-Stiftung beruhigt haben. Zumindest hellte sich Schabowskis anfangs zerfurchte Miene auf, als das ausgesuchte, überwiegend ältere Publikum ihm nach seiner Vorstellung durch Moderator Jürgen Engert ebenso viel Beifall spendierte wie seinem in diesem Milieu höchst geschätzten Diskussionspartner Wolfgang Schäuble. Mit Wohlwollen und gegenseitigem Respekt verhandelten dann der ehemalige Innenminister, CDU/CSU-Fraktionschef und Parteivorsitzende und der ehemalige SED-Parteichef von Ost-Berlin die Fragen nach dem Wesen der kommunistischen Diktatur, ihren persönlichen Erinnerungen an die Praxis der SED-Herrschaft und den Lehren daraus für den Umgang mit der PDS. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Männern so unterschiedlicher Prägung waren kaum auszumachen - weder bei der Wertschätzung nationaler Bindungskräfte noch beim Urteil über den begrenzten Spielraum westdeutscher Politik während des Mauerbaus. Dass seine Abkehr vom Sozialismus von der Union als sehr nützlich eingeschätzt wird, konnte Schabowski auch an der Zusammensetzung des Publikums ablesen: In der ersten Reihe hörten wichtige CDU-Politiker wie Parteichefin Angela Merkel, Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen sowie ehemalige Bundesminister und Senatoren zu.

In der ersten Reihe des Forums nahm als Zuhörer nach einer halben Stunde Debatte Frank Steffel Platz. Der Wahlkämpfer, der anfangs mit der Vorstellung seines Beraterkreises kein glückliches Händchen gezeigt hatte, konnte mit Schabowskis Wirkung jedenfalls zufrieden sein. Die Mühe der Selbstbefragung, der sich der 62-jährige gelernte Journalist penibel unterzieht, beeindruckte das Publikum, und mehrmals spendete es spontanen Beifall - unter anderem als Schabowski etwas unwillig auf eine Frage aus dem Publikum nach Reue über seine frühere Rolle sagte: "Meine Haltung ist eindeutig. Wenn sie nicht so eindeutig wäre, säße ich nicht in dieser Veranstaltung."

Applaus belohnte auch Schabowskis Analyse, wonach in allen PDS-Erklärungen immer ein nicht ausgesprochener "Gewaltfaktor" enthalten sei: Die SED-Nachfolgepartei halte trotz aller öffentlichen Zugeständnisse an die demokratische Gesellschaft an den Zielen der Systemveränderung und der Enteignung des Kapitals fest, die eben nur mit Gewalt zu realisieren seien. Die Hände rührten sich auch heftig, als der Steffel-Berater dann auf seine Rolle im Wahlkampf zu sprechen kam: Er buhle nicht um die Anerkennung der CDU. Aber er empfinde eine "persönliche Verpflichtung", dort zu sein, wo am entschiedensten gegen eine Einbeziehung der noch immer unbelehrbaren PDS in die Regierungsverantwortung gekämpft werde.

Der Mann, der am 9. November 1989 als Mitglied der SED-Reformregierung eher durch einen Lapsus die Öffnung der Mauer verkündete, wägt heute jedes Wort und will nicht der billigen Parteinahme verdächtigt werden. So legt er Wert darauf, dass er in seiner Rolle als Kronzeuge der DDR-Geschichte nicht zum Gefolgsmann einer einzelnen politischen Gruppierung oder eines Kandidaten im Wahlkampf abgestempelt wird: Er stehe mit seinen Erfahrungen auch anderen Parteien zur Verfügung. Das unionsnahe Publikum, das Schabowski wohl schon als Parteigänger verbucht hat, überging die Bemerkung. Vielleicht vernehmen ja die Sozialdemokraten das Angebot Schabowskis: Enteignet Steffel - zumindest was die Lehren aus der DDR-Geschichte angeht.

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