Berlin : Günther A. Piechottka (Geb. 1922)

„Liebe Mutter, ich würde gern Musiker, Tischler oder Schuster werden“

Stephan Reisner

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Kirchengemeinde von St. Thomas am Kreuzberger Mariannenplatz immer noch getrennt. Es gab einen, der dieser Teilung schon vor dem Mauerfall entgegenwirkte: Immer zu Ostern und Weihnachten stieg er mit einer Posaune auf einen der 48 Meter hohen Türme von St. Thomas und spielte eine Stunde lang über die Mauer hinweg. Selbst Asbestsanierungen Mitte der Achtziger hielten ihn nicht davon ab. Als die Mauer fiel, kamen einige von der anderen Seite herüber und fragten, wer da all die Jahre auf dem Turm posaunt hatte. Für eine Zusammenführung der Gemeindeteile reichte das Engagement des Gemeindekantors nicht.

Posaune war sein erstes Instrument neben Klavier, Orgel und Bratsche. Zur Kirchenmusik fand Günther Adriano Piechottka dagegen erst spät. Zwanzig Jahre lang lebte er von den Borsigwerken, der Deutschen Post und anderen Betrieben, deren Chöre er leitete. Erst als ein Betriebschor nach dem anderen geschlossen wurde, sah sich der studierte Musiker gezwungen, auf Kirchenmusik umzuschulen und eine feste Stelle anzustreben. Die fand er Anfang der siebziger Jahre in der St. Thomasgemeinde.

Musik war sein Refugium. Schon als Kind spielte er Mundharmonika gegen die drückende Einsamkeit. Als uneheliches Kind geboren, wuchs er bei Pflegeeltern auf einem Bauernhof in Großschmölln auf. Sonderlich geliebt wurde er dort nicht. Mit 14 musste er ins Waisenhaus nach Rummelsburg. Seine leibliche Mutter, ein Kinderfräulein aus den Masuren, hätte ihn gern zu sich geholt, musste ihn aber wegen wechselnder Stellungen immer wieder vertrösten. Sie schickten einander Briefe.

„Liebe Mutter, ich würde gern Musiker, Tischler oder Schuster werden – am liebsten aber Musikante!“, schrieb er ihr. Ein Musiklehrer aus Berlin wurde auf ihn aufmerksam und entdeckte in ihm „eine nicht alltägliche Begabung, wie sie nicht allzu häufig in die Hände eines Pädagogen gelangt.“ So wurde Günther Adriano Piechottka Orchesterschüler und nahm später ein Musikstudium auf. Liebe und Zuneigung erfuhr er zum ersten Mal, als er die acht Jahre jüngere Esther Maria Hilbert kennen- lernte, eine talentierte Opernsängerin an der Staatlichen Oper unter den Linden, deren Lebensfrische sofort auf ihn überging. Zehn Jahre lebten sie in wilder Ehe zusammen, mal gemeinsam in einer Wohnung, mal getrennt, weil sie ein Stipendium in England annahm.

Seine Liebe war groß. Sie wurde noch größer, als Esther Maria starb. Zwei Jahre nach der Hochzeit 1956 fiel sie mitten in einer Vorstellung um. Günther Adriano Piechottka trug eine Wunde davon, die sich nicht wieder schloss. Keine andere Frau konnte an ihre Stelle treten. Machte er einen Schritt auf jemanden zu, erschrak er über sich selbst und wich zwei Schritte zurück. Gegen die Einsamkeit half ihm nur die Musik, täglich setzte er sich an die Orgel von St. Thomas und spielte zu Hause in seiner Einzimmerwohnung auf dem Klavier. Oft dachte er zurück an die Reisen im VW-Käfer, die er mit Esther unternommen hatte. Eine dieser Reisen führte ihn zu seinem Vater nach Parma.

Er besaß nur dieses eine Foto, auf dem eine Widmung und eine Adresse standen. Die Mutter hatte es ihm gegeben. Nie hatte sie dem Amt von dem Vater und nie dem Vater von dem Sohn erzählt. 35 Jahre lebte der Vater in völliger Ahnungslosigkeit ein italienisches Beamten- und Kleinfamilienleben. Günter Adriano zeigte ihm das Foto zur Begrüßung, die Adresse stimmte noch. „Danke für die wunderbaren Stunden!“, stand auf der Rückseite. Sein Vater hatte Berlin nur ein einziges Mal besucht, nun fiel er aus allen Wolken. Man ging essen und anschließend in die Oper. Dabei blieb es. Seiner Mutter schrieb Günther Adriano Piechottka: „Ich habe gehofft, dass du davon etwas hast. Aber die Italiener nehmen das offensichtlich etwas leichter.“

Er selbst trug zeitlebens ein Foto Esther Marias bei sich. Ihr Konterfei ist darauf kaum noch zu erkennen. Namenlos und unscheinbar ließ er sich neben ihr beisetzen. Stephan Reisner

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