Berlin : Günther Appel: Zahlenjongleur mit Leib und Seele

Ulrich Zawatka-Gerlach

Günther Appel forscht über Meta-Daten. Das sind Daten, die andere Daten klassifizieren. So eine Art Beipackzettel für Informatiker, die mit dem Zahlenmüll sonst nicht klarkommen. Dafür hat Appel jetzt Zeit, denn er hat ausgedient. "Zu Herrn Appel wollnse?", fragt die Portiersfrau im Statistischen Landesamt. "Der iss doch in Pangsion!" Stimmt. Zwanzig Jahre und einen Monat lang war er StaLa-Chef und Landeswahlleiter in Berlin, am 31. Oktober 2000 wurde er - fast unbemerkt - in den Ruhestand versetzt. Ein Jahr zu früh, aber der Amtsarzt wollte es so.

Denn im Sommer war Appel sehr krank und er hörte auf den Arzt, auch wenn es jetzt wieder besser geht. Vom Statistischen Landesamt, weit draußen in Friedrichsfelde, hat sich der Pensionär aber noch nicht endgültig verabschiedet. Noch gibt es keinen Nachfolger, und es locken die Meta-Daten, über die Appel nun eine längere Abhandlung schreibt. Ein Zahlenjongleur mit Leib und Seele, der mit 14 Jahren eine Verwaltungslehre im Statistik- und Wahlamt seiner Heimatstadt Wilhelmshaven begann.

Ein kühles Nordlicht ist Appel geblieben. Ein überzeugter Berliner ist er geworden. Ein Statistiker der ersten Garnitur, der rund um die Welt Vorträge hielt und nicht nur Erbsen zählte. Aus seiner Mitgliedschaft in der SPD hat Appel nie ein Geheimnis gemacht, und es blieb auch nicht verborgen, dass der hoch gewachsene Mann mit der knarzigen Stimme mit den meist christdemokratischen Senatoren und Staatssekretären - denen seine Behörde nachgeordnet ist - harte Sträuße ausfocht. Ist amtliche Statistik so ein Politikum, dass man sich darüber streiten kann? Und ob. Höchst politisch wurde die Statistik, als 1987 in Deutschland eine Volkszählung stattfand. In West-Berlin drohten nicht nur die Autonomen mit dem Boykott, und es war nicht zuletzt der offensiven Öffentlichkeitsarbeit Appels und teuren vertrauensbildenden Maßnahmen zu verdanken, dass doch 99 Prozent der Berliner die Fragebögen ausfüllten.

Eigens wurde ein Rechenzentrum angeschafft, das in tresorähnlichen Räumen versteckt wurde, auf die jedes Schweizer Bankhaus stolz gewesen wäre. Den Widerstand der Bevölkerung hätten viele Politiker noch in Erinnerung, klagt Appel. "Sie scheuen sich, eine neue Volkszählung anzuordnen, die alle zehn Jahre stattfinden sollte."

Malta und Deutschland werden 2001 die einzigen Staaten in Europa ohne aktuelle Volkszählungsdaten sein. Zwar werden die Statistiken von 1987 fortgeschrieben, aber vergleicht man die regionale Fortschreibung mit den amtlichen Melderegistern, fehlen 60 000 Berliner. "Keiner kann sagen, wo die geblieben sind", sagt Appel und findet das gar nicht lustig. "Politiker schwärmen von der Wissens- und Informationsgesellschaft, aber wenn es zum Schwur kommt, haben sie Angst vor den Kosten und den Wählern."

Nach 1989 gewann die amtliche Statistik eine neue politische Dimension: Mit der Ausdehnung auf den Ostteil der Stadt. 114 Statistiker (Ost) wurden übernommen, aber das Hauptproblem waren nicht die Menschen, sondern der Mangel an verlässlichen Daten in der DDR. Ganz zu schweigen von dem Paradigmenwechsel, der notwendig wurde. "Bei uns bleiben die individuellen Angaben geheim, und die anonymisierten Ergebnisse der Statistik sind öffentlich", erläutert Appel. "In der DDR waren die Einzelangaben meist öffentlich zugänglich, aber die Statistik war streng geheim."

Damit ist es vorbei. Trotzdem gibt es noch Unterschiede zwischen Ost und West. Nicht bei der Ausstattung mit Waschmaschinen und Computern. Auch die Haushaltseinkommen glichen sich an, sagt Appel. "Das liegt am höheren Ausländeranteil im Westen, der dort den Durchschnitt drückt, und an der höheren Zahl der Doppelverdiener im Osten, die dort den Durschnitt heben". Weit vom Zusammenwachsen entfernt sei aber immer noch das Wahlverhalten. Er muss es wissen. 20 Jahre war Appel Landeswahlleiter und nur mit Grausen denkt er an die Wahl im Dezember 1990 zurück: Die erste Wahl zum Gesamtberliner Abgeordnetenhaus, gekoppelt mit der Wahl zum gesamtdeutschen Bundestag. "Wir kannten die Wahlgebiete in Ost-Berlin nicht, wir kannten die Mitarbeiter nicht und hatten große Probleme mit der Übermittlungstechnik." Der gewohnte Standard sollte trotzdem gehalten werden, doch Appels Mannschaft brach in der Wahlnacht ein.

Was sich in den vergangenen Wochen in den USA abspielte, stellt die damalige Pleite allerdings weit in den Schatten. Da war wohl Murphys Gesetz am Werk, meint Appel: "Wenn was schief geht, geht gleich alles schief." Dass die Amerikaner aber darüber stritten, ob und wie lange Wahlzettel nachgezählt werden dürfen, irritiert ihn sehr. Es soll doch der Wählerwille herausgefunden werden, und da gilt in Deutschland: Genauigkeit geht vor Schnelligkeit, "und jede Stimme zählt." Genauigkeit, Schnelligkeit und das bei hoher Wahlbeteiligung - schon sieht der ehemalige Landeswahlleiter das Internet als ideale Wahlmaschine. Der Stimmzettel auf dem Bildschirm, ein Mausklick zugunsten der richtigen Partei, eine Sicherheitsabfrage, die elektronische Unterschrift und - ab geht die Post. "Vor allem die junge Generation, die so selbstverständlich mit neuen Kommunikationstechniken umgeht, wird bald kein Verständnis mehr dafür haben, mit Papier und Bleistift im Wahllokal ihren Wählerwillen dokumentieren zu müssen."

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