Berlin : Günther Hamann (Geb. 1934)

Andere wollen etwas werden. Er wollte etwas erleben

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Günther Hamann hegte keine großen Hoffnungen, weder auf Erden noch im Jenseits. Religiöse Anwandlungen lagen ihm fern. Man darf sich ihn als glücklichen und lebensklugen Menschen vorstellen. Sein Credo nämlich lautete: Ich habe weder Ab- noch Aussichten.

Wenn ein Nicht-Buddhist so etwas so selbstzufrieden sagt wie Günther Hamann, ist davon auszugehen, dass er sich zum einen in einer nicht ganz unbequemen Lebenslage befindet, und dass es zum anderen schon einmal anders war, Lebenslage, Ab- und Aussicht.

In Leipzig kam er zur Welt, die Eltern bürgerlich, behütend. Obwohl er in der Schule glänzte, wurde er fürs Abitur nicht zugelassen. Er absolvierte eine Lehre zum Schriftsetzer, holte das Abitur nach und arbeitete als Korrektor im Reclamverlag. Ein junger, kluger Mann, der las und las: Selbstverständlich hatte der noch Absichten. Germanistik wollte er studieren. Doch das wurde ihm verwehrt.

Es waren die fünfziger Jahre in der DDR, die Aussicht auf ein freies Leben im Westen war noch nicht ganz verbaut. Über West-Berlin floh er, landete in Bayern und begann – ein Jurastudium. Warum nicht Germanistik? Warum dieser Verlust an Absicht? Vielleicht weil er hier ganz auf sich allein gestellt war. Als Jurist würde er eine Anstellung finden, so viel war sicher. Ob das Wirtschaftswunderland auch Germanisten benötigte, erschien weniger gewiss.

Dass er nicht der ehrgeizigste Student seines Faches war, erscheint verständlich; dass er sich für eine Laufbahn am Arbeitsgericht entschied, ebenso. Das Arbeitsrecht ist nämlich, soweit es die Paragrafen anbelangt, eine übersichtliche Angelegenheit. „Arbeitsrecht ist Richterrecht“, heißt es, und das heißt: Gesetze regeln wenig, die Richter umso mehr. Sie haben freie Hand in der Auslegung der knappen Rechtsvorschriften.

Günther Hamann war dafür nicht nur geeignet, weil er sich weniger als andere für juristische Spitzfindigkeiten interessierte, sondern weil er mehr als andere vom Arbeitsleben wusste. Hatte schließlich jahrelang dran teilgehabt als Setzerlehrling und Korrektor.

Außerdem – alles andere als selbstverständlich für einen Juristen – waren ihm moralische Grundsätze wichtiger als rechtstheoretische. „Arbeitsrecht ist Arbeitnehmerrecht“, auch so ein Spruch. Günther Hamann nahm ihn ernst.

Hinzu kam, dass er gegen Ende seines Studiums, es war die zweite Hälfte der Sechziger, einen Freund fand, und mit ihm gemeinsam die verwegene Idee, dass man als Mann einen Mann lieben kann. Wenn einer mit Mitte 30 eine solche Entdeckung macht und feststellt, dass er keineswegs allein ist, wie sollte der sich ganz und gar der Welt der Paragrafen verschreiben? Hat ja gerade erfahren, dass es Schöneres gibt.

Eine Station seines Referendariats absolvierte Günther Hamann am West-Berliner Arbeitsgericht. Das Tätigkeitsfeld war überschaubar, die Atmosphäre unverkrampft. Und es war Berlin, 1968! Das große Lockermachen war in vollem Gange, und für Schwule war das sowieso die beste deutsche Stadt, um einander zu finden, zu erkennen. Hier würde er bleiben, das stand schnell fest.

Der Arbeitsrichter Hamann: Er hat es nie drauf angelegt, in dieser Funktion bekannt zu werden. Was gerade nicht heißt, dass er ein schlechter Richter war. Er war ein schneller Richter. Es lag ja nicht allein in seinem Interesse, die Prozesse kurz zu halten. Wenn Anwälten Gelegenheit geboten wird, Schriftsatz auf Schriftsatz abzusondern, dient das zuvörderst dem Verdienst der Anwälte, der Wahrheitsfindung seltener. Richter Hamann setzte alles daran, zu einem schnellen Ende zu gelangen, wann immer möglich durch Vergleich. Das ersparte ihm die Mühe, ein Urteil zu formulieren, und bot den Streitenden Gelegenheit, sich einander anzunähern. Wenn er aber urteilte, dann kurz und knapp und mit einem unter Juristen seltenen Vorsatz: Er wollte verstanden werden. Ehrgeizigere Kollegen schreiben Urteile, um bei ihresgleichen Eindruck zu schinden. Günther Hamann, der sein Arbeitsleben lang glücklich in der ersten Instanz verharrte, der Mann ohne Ab- und Aussichten, schrieb für die Streitenden.

Dass er unter Kollegen trotzdem einen tiefen Eindruck hinterließ, lag an seiner geselligen Natur. Er lud zu Geburtstagsfeiern, organisierte Wanderungen und pflegte Freundschaften. Andere wollen etwas werden, er wollte etwas erleben.

Im Jahr 1982 lernte er in der Sauna im Europacenter Keizo kennen, einen 25 Jahre jüngeren Japaner. Keizo war Koch, der besonders gern und gut italienisch kochte. So wurde der einst schlanke Günther Hamann über die Jahre immer stattlicher. Als im Sommer 2001 das „Lebenspartnerschaftsgesetz“ in Kraft trat, waren die beiden eins der ersten schwulen Paare, das heiratete. Günther Hamann, der sich seit fünf Jahren im Ruhestand befand, war glücklich: Der Lebensabend in Gesellschaft schien gesichert.

Keizo aber starb 2011 an einem Aneurysma. Das traf Günther Hamann schwer, doch er gab sich alle Mühe, bei Laune zu bleiben. Als seine Augen schlechter wurden und er nicht mehr lesen konnte, hörte er Hörbücher. Als er in ein Pflegeheim kam, freute er sich, wenn junge Männer ihn umsorgten.

Im Angesicht der letzten Aussicht äußerte Günther Hamann doch noch eine Absicht, eine bescheidene: Ich will zu Keizo.

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