Berlin : Gütesiegel Kreuzberg

Erst wurde die Ostseite der Spree zur Partymeile. Nun holt die Westseite mit Riesenschritten auf

Nana Heymann

Eigentlich war es für Frank Spindler kein großer Schritt, denn eigentlich zog der frühere „Sage Club“-Mann mit seinem neuen Projekt nur ein paar hundert Meter weiter. Auf dem Gelände der Heeresbäckerei eröffnete er das „Big-Size-Restaurant Spindler & Klatt“ .

Auch wenn Spindlers örtliche Veränderung auf den ersten Blick nicht sonderlich gravierend scheint, belegt sie dennoch einen Trend: Clubbetreiber verabschieden sich allmählich von Mitte und siedeln entlang der Spree, vornehmlich auf der Westseite. Galt noch das „Watergate“", das sich als erster Club westlich der Oberbaumbrücke niederließ, als Vorreiter, folgen nun weitere Veranstalter.

Frank Spindler hat sich mit seinem neuen Tanztempel ganz bewusst zu einem Bekenntnis für den Westteil der Stadt entschieden: „Ich finde Kreuzberg cool und war nie ein großer Fan vom Mitte-Trend.“ Es hat ihn ans westliche Spreeufer gezogen, weil sich die Gegend dort derzeit rasant entwickelt, nachdem sich die Ostseite mit Clubs und Discos wie „Matrix“, „Elefantentoaster“, „Busche“ und „Speicher“ bereits etabliert hat.

Ähnlich sieht das auch Till Harter, Betreiber der „103 Bar“ am Zionskirchplatz in Mitte. Seit Beginn der 90er Jahre trägt er zu Berlins Nachtleben bei, organisiert Partys und Veranstaltungen, alle fast ausschließlich im Ostteil der Stadt. Allmählich, so Harter, sei die Szene dort jedoch „erstarrt und vorhersehbar“. Der „Mitte-Style“ habe sich einfach überlebt. Neue Impulse kämen derzeit vor allem aus dem Kreuzberger Kiez mit seinem „kreativen Mix“ aus zahlreichen Ateliers und „Hinterhof-Klitschen“, alteingesessenen Szene-Kneipen und neu eröffneten Bars für junge Studenten. Genau dort ein neues Konzept auszuprobieren, sei für ihn eine Herausforderung gewesen. Nun eröffnete Till Harter in der Falckensteinstraße den „103-Club“.

Den Ortswechsel begründet Harter jedoch nicht nur mit dem Ende des Mitte-Mythos. Er sieht die Bemühungen der Clubbetreiber in Mitte vor allem durch eine „restriktive und clubfeindliche Genehmigungspolitik“ torpediert. Bei der Konzeption und Planung seines neuen Clubs habe er auch durchaus Objekte in Mitte ins Auge gefasst, bekam aber immer wieder Absagen mit der Begründung, ein Clubbetrieb sei an den nachgefragten Orten unerwünscht.

Erstaunt über die Erfahrungen zeigt sich Mittes Stadträtin für Stadtentwicklung, Dorothee Dubrau (Grüne). Sie weiß den Standortfaktor einer attraktiven Musik- und Kreativ-Szene für ihren Bezirk zu schätzen und sieht das Problem eher in der Lage auf dem Immobilienmarkt des Regierungsbezirks. Die Zeiten seien vorbei, in denen wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse Genehmigungen für preisgünstige Zwischennutzungen vergeben werden konnten. Nun stehen kommerzielle Interessen im Vordergrund, die hohe Mieten zur Folge haben. „Natürlich möchten wir die Clubszene sehr gerne in Mitte halten.“ Zugleich ist ihr jedoch bewusst, dass sich in anderen Bezirken billigere Räumen finden lassen.

Die Clubbetreiber rufen indes das Kreuzberger Ufer schon mal zur neuen Clubmeile aus. Das Gütesiegel „X-Berg“, mit dem das „Watergate“ wirbt, soll für Ideen- und Facettenreichtum stehen. Dass die Nähe der Clubs zu Interessenskonflikten führen könnte, befürchten die Betreiber nicht. „Wir haben kein Laufpublikum, die Leute entscheiden bewusst, wohin sie gehen“, sagt Till Harter. Dennoch habe man sich abgesprochen. So hat sich das Watergate auf Fans elektronischer Musik spezialisiert, während der 103-Club alles Tanzbare von Country über Hip-Hop bis Dub spielen will, oder kurz „sexy Music“, wie Betreiber Harter sagt. Im „Spindler & Klatt“, einem Restaurant auf tausend Quadratmetern mit fließendem Übergang zu Bar, Lounge und Tanzfläche, soll dagegen auch schon mal Klassik zu hören sein. Aber bevor es soweit ist, gab es noch eine housige Premiere: Party-King Bob Young öffnete sein monatliches „GMF Warehouse“.

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