Berlin : Guido Schöpper (Geb. 1961)

„Mehr als passieren kann ja nix!“

Erik Steffen

Flaschen fliegen, jemand bricht zusammen. Die Musik setzt aus. Der Barkeeper einer kleinen Kreuzberger Szenebar steht auf einem Stuhl und beschwört die Gäste: „Spoon hätte das nicht gewollt!“ Er erntet ironischen Beifall. Das Kondelenztrinken für Guido, der sich in Berlin nur Spoon nannte, nimmt einen chaotischen Verlauf. Dem Toten hätte das gefallen, da sind sie sicher, die alten Freunde, die Künstler, die Überlebenden. Sie trauern um einen Menschen, der so jenseits der Normen und Verhaltensmuster lebte, dass er schon Legende war, als er noch lebte. Geliebt und gehasst! Sein plötzlicher Tod überrascht hier nur wenige.

„Nun stolperst du wieder in dieses Scheiß-Thema“ – die Endlosschleife eines seiner Songtexte verwirft alles, was sich Vergangenheit oder Verständigung nennt. Er wollte nicht darüber reden. Die Kindheit und Jugend in Coesfeld bei Münster. Der Autounfall, der ihn ein Jahr ins Krankenhaus zwingt. Die Familie bürgerlich, der Vater Lehrer, er anders. „Heute schon gelebt?" steht dort an einer Hauswand. Hat er das gesprüht? Er zeichnet, er gründet eine Punkband. Und geht zur Bundeswehr. Verzichtet auf Verweigerung, Flucht nach Berlin oder andere Möglichkeiten. Lässt sich die Haare abrasieren und spricht kein Wort. Nach Monaten der üblichen Zwangsmaßnahmen wird er als untauglich entlassen. Im West-Berlin der Achtziger greift er an. Hier heißt der Untergrund „Berliner Krankheit“, ein hedonistisches, von düsterer Musik beseeltes Szenario aus Kneipen, Clubs und Proberäumen. Seine erste Band heißt „Knochengirl“, es folgen „Kiss Freak Steven“, „Feedback Orchester“ und „Hagel“. Er spielt Gitarre, Bass und Schlagzeug. Die Musik ist das eine, die Bilder das andere Selbstbehauptungsmoment. Die Normalität ist längst uninteressant. Er macht Musik vom anderen Stern, wild , kraftvoll, verstörend. Eine Säule jeder Band. Umjubelte Auftritte, Platten, Underground-Star. Er zeichnet Motive aus der Nachtszene, Zwitterwesen aus Dingen, Körpern, Situationen, Underground-Comics.

Und er bleibt ein armer Hund. In seinen weiten Manteltaschen befinden sich Plektron, Notzigaretten, alte Fahrscheine, Quittungen, lange Blättchen zum Jointdrehen und sein Skizzenblock. Er lebt am Limit. In jeder Hinsicht. Überlebt vieles, was andere in den Abgrund gerissen hätte. Rast ruhelos mit seinem Fahrrad von Bar zu Club. Steht am Tresen, selten dahinter oder am Eingang. Vielleicht gibt es einen Drink. Ist es ihm zu nett, schmeißt er sich vom Barhocker zu Boden, wirft mit Bierflaschen um sich. Will Respekt und Aufmerksamkeit. Erntet Lokalverbote und Hass. Gilt bei Fremden als Troublemaker und unberechenbarer Psychopath. Seine Freunde hauen ihn raus, nennen seine Auftritte theatralisch, wissen um die Verzweiflung dieses Menschen, der sie – oft mit Ansage – als Stunts inszeniert.

Wer sich an die Achtziger erinnert, hat sie nicht erlebt, so heißt es. Für Spoon haben auch die Neunziger große weiße Flecken. Erinnerungsspuren: Er fährt bekifft in einem umgespritzten Polizeiwagen an den echten Wannen vorbei zu einer Demo und lässt die Pixies aus dem Radio rufen: „Where Is My Mind“. Mit Wolle, seinem dicksten Freund, überführt er einen Mercedes nach Syrien. Und überholt nur rechts. Auch im Gebirge auf den Passstraßen, haarscharf am 1000-Meter-Abgrund entlang. Steine fallen, er noch nicht. Die syrischen Geschäftspartner, die ihr Gegenüber per Blickkontakt taxieren, sind verstört. In seinen Augen schimmert etwas Irres. Wolle findet ihn in seinem WG-Zimmer, umnebelt von Qualm, die Matratze im Schwelbrand runtergekokelt auf ein Häufchen Asche, er unverletzt.

Sein Lebensmotto: „Mehr als passieren kann ja nix!“ In den frühen Neunzigern besetzt er mit Wolle und anderen Künstlern ein Haus in der Schönhauser Allee. Spoon im Wilden Osten. „Tacheles“, „Go-go-Club“ und „Eimer“ heißen jetzt seine Anlaufpunkte. Mit seinen Bands spielt er in illegalen Clubs, Abrisshäusern und auf Hinterhöfen.

Die Zeit und ihre Freiräume haben ihr Ende mit der „Stadtentwicklung“. Ende der Neunziger verengt sich auch Spoons Leben. Er haust in einer amtlich dunklen Parterrewohnung, wird depressiv. Nur die Musik zieht ihn aus der Dunkelheit. 1998 dann der erste Crash. Ein Herzinfarkt in einer Kneipe. Er schleppt sich nach Hause, wird ins Krankenhaus gebracht.

Danach wird alles scheinbar ruhiger. Er zieht sich zurück, die Exzesse sind Ausnahmen. Das Rad trägt ihn nicht mehr von Kneipe zu Kneipe, sondern ist Workout-Instrument. Immer die gleichen Touren, fernab der bekannten Wege. Wie ferngesteuert sitzt er drauf und guckt nach vorn. Lässt sein Gebiss richten. Erfolgreiche Ausstellungen seiner Zeichnungen und der Konzertwirbel, den das experimentelle „Feedback Orchester“ anrichtet, füttern sein Ego. Stimmungsschwankungen ja, aber sie richten sich nicht mehr als Aggression nach außen.

Dann der zweite Herzinfarkt, zu Hause. Spoon ruft den Notarzt, aber schafft es nicht mehr zur Tür. Als die Feuerwehr eintrifft, ist es zu spät. Die Reanimation vergeblich. „Er wollte nicht mehr zurück“, sagt der Arzt. Wer weiß. Erik Steffen

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