Berlin : Guidos Gegendemo

Der FDP-Chef sieht zu viel Rot

Thomas Loy

Sag’ noch einer, Guido Westerwelle sei ein eher gemäßigter Politiker. Einen „Aufstand“ will er anzetteln, eine „Gegendemonstration der schweigenden Mehrheit“. Dabei krakeelt der FDP-Chef in sein Mikro, als müsse er gegen Polizeihubschrauber und Wasserwerfer anreden. Der 1. Mai war für die FDP immer ein Tag, den man lieber tatenlos verstreichen ließ, weil die Roten ihn ja ohnehin für sich gepachtet haben. Doch dieses Mal halten die Liberalen tapfer dagegen, mobilisieren ihre Fans zu einem „bunten Straßenfest“ mit Hau-den-Lukas, Espresso-Bar, Zigarrendreher, Guido, Silvana und Horst. Silvana heißt mit Nachnamen Koch-Mehrin und ist die tadellos gewachsene Europawahl-Spitzenkandidatin der FDP. Horst gehört zur Familie Köhler, will Bundespräsident werden und ist nur so als Gast gekommen.

Doch erst einmal tritt der Guido auf, merkwürdigerweise ohne gelbe Krawatte und blaues Jackett. Mattes Jägergrün und Schwarz sind heute seine Farben. Vielleicht hofft er, dass ihn so niemand erkennt, wenn er abends in Kreuzberg seinen Aufstand anzettelt, mit „Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft“, wie er seine Anhänger nennt.

Es geht gegen die Gewerkschaften. Guido nennt sie „Verräter der Arbeiterschaft“. Weil sie rote Fahnen schwenken und so Leute wie Frank Bsirske und Ursula Engelen-Kefer aufs Podium stellen. Die kann Guido überhaupt nicht leiden. Gern erzählt er seine selbst gedichtete Farce von der Ausbildungsplatzabgabe. In der Verdi-Zentrale, wo 4500 Männer und Frauen einer aus FDP-Sicht sinnentleerten Tätigkeit nachgingen, betrage die Ausbildungsquote genau 0,29 Prozent. Guido lässt sich die Zahl auf der Zunge zergehen. Im Publikum erklingt operettenhaftes Glucksen.

Die jungen Zuhörer sind auch gegen die Gewerkschaften. „Die müssten wirklich weg“, findet Christoph Lehmann, FDP-Mitglied und Abiturient aus Wittenberg. Ähnlich äußern sich zwei FDP-nahe Gymnasiasten aus Braunschweig, die nach Berlin gekommen sind, weil sie Guido Westerwelle einmal live erleben wollten. Jetzt sitzen sie draußen vor dem Zelt, weit weg vom lautstarken FDP-Chef, und blinzeln in die Sonne. Guidos Gewalt-Stimme live reicht völlig aus.

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