Berlin : Gummibärchen zum Erntedank

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Zehn Minuten vor Beginn sind die Gesangbücher vergriffen. Das gibt Gelegenheit zur ersten praktischen christlichen Übung: teilen. Maiskolben, Sonnenblumen, Kürbisse und Eichenlaub dekorieren das Schiff der Kreuzberger Kirche Heilig Kreuz. Es ist der Erntedankgottesdienst für Familien, es regnet draussen in Strömen und die Kirche ist voll. Und bei Abschluss des Gottesdienstes zählt die Gemeinde noch eine Seele mehr, denn die kleine Katherina mit der weißen Mütze wird getauft. „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder...“, liest Pfarrerin Dagmar Apel und wünscht dem Kind ein ganzes Dorf voller Beziehungen und liebender Bezugspersonen um es herum. Die größeren Kinder werden nach hinten geschickt, da sollen sie malen, was ihnen einmal geschmeckt hat.

Der Chor singt. Eine alte Frau mit Hut schließt die Augen. Wenn man für die Ernte dankt, sagt Pfarrer Joachim Ritzkowsky nun, dann sollte man nicht nur an die leibliche Nahrung, sondern vor allem an die geistige denken: an Worte, angelacht zu werden, Herzensnahrung, Feiern und Musik. Erntedank als Metapher. Ist die Pisa-Studie Zeichen verdorbener Ernte im geistigen Sinne? Was hatte der verwirrende Wahlkampf zu bedeuten, der so viele Bilder produzierte? Was ist das für eine Ernte und aus welcher Saat ging sie auf?

Man sitzt auf Stühlen im Kreis. Hinter den Vorhängen an der Seite gibt es das Kirchencafé, ein Kulturbüro und die Asylberatung im Kirchenschiff – und sie bekommen von jedem Segen, der hier gesprochen wird, etwas ab. Die große Orgel ist eine Hook-Orgel und ein Beispiel für gelungene deutsch-amerikanische Freundschaft. Sie ist ein Produkt Bostoner Orgelbauer und stand ab Ende des 19. Jahrhunderts in Woburn, Massachusetts. So lange jedenfalls, bis die Gemeinde ausstarb und die Orgel eine neue Bleibe suchte. Heute bläst Berliner Luft durch das amerikanische Pfeifenwerk. Heute allerdings, zum Erntedank, wird am Flügel gespielt.

Dann predigt Pfarrer Litzkowsky. Man sollte da nicht abschweifen. In anderen Völkern war ein geistiger Hintergrund durchaus mit der Reifung der Natur verknüpft, sagt er. Denn nur in Preußen wurde Erntedank per Dekret angeordnet, 1773 zum ersten Mal. „Aber da klappte wohl etwas nicht“, sagt Ritzkowsky, und deshalb musste der preussische König 1836 noch einmal den Dank verordnen. Der Pfarrer rät, von den alten Israeliten zu lernen, denn dort feierte man ursprünglich drei mal Erntedank: zunächst zur Reife der Gerste, das wurde das Fest der Auferstehung, 50 Tage später zur Weizenreife, das wurde nun Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes, und drittens zur Zeit der Weinlese, da feierte man die Gesetzesthora.

Auch die Menschen selbst, mahnt der Pfarrer, müssen sich Zeit zur Reifung lassen, sie müssen auch Korn sein dürfen und nicht nicht gleich eingefahren werden mit der Hoffnung auf Gewinn.

Die Kinder kommen mit ihren Bildern wieder, sie glänzen noch feucht. Jemand muss ihnen was gesteckt haben, denn alle haben Früchte und Gemüse gemalt, keines eine Bratwurst. Oder Zuckerwatte. Eines wenigstens Gummibärchen. Für die Gemeinde Heilig Kreuz und die der Passionskirche gibt es nun eine gemeinsame Erntedanksuppe, deren Duft schon in der Kirche hängt. Und draussen tut der Herr noch immer die Himmel auf. Deike Diening

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