Berlin : Gundula Bölke-Zeuner (Geb. 1941)

Es waren fast nur Frauen, die ihre Kurse besuchten

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Wer Anfang der Sechziger an der Freien Universität Soziologie studierte, kam nicht an dem Fach Statistik vorbei. Für Gundula Bölke war das kein großes Problem, für viele ihrer Kommilitonen schon. Um gemeinsam zu lernen, gründeten sie eine Arbeitsgruppe. Mit dabei waren Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Gaston Salvatore. Auch angehende Revolutionäre der Studentenbewegung mussten sich mit Grundgesamtheiten, Stichproben und Wahrscheinlichkeitsrechnung herumschlagen, und Gundula half ihnen dabei.

Der Vater hatte sich vom Buchhalter zum Vorstandsmitglied eines Hüttenwerks hochgearbeitet, Gundula aber hatte dieser Welt der angepassten Karrierewege wenig abgewinnen können. So war sie nach Berlin gekommen.

Im Kreis um Rudi Dutschke entwickelte sich ihr Unbehagen zu politischem Denken. Sie wurde Teil der „Anschlag- Gruppe“, des Berliner Zweigs der „Subversiven Aktion“ um Dieter Kunzelmann. Anders als die meisten Genossen vom Sozialistischen Studentenbund wollten sie mehr tun, als nur Protestpapiere schreiben. Sie fanden, Studenten müssten „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von Georg Lukács lesen, ließen einen Raubdruck anfertigen und verteilten ihn. Bei der Demonstration gegen den kongolesischen Diktator Moise Tschombé 1964 durchbrachen sie die Bannmeile um das Schöneberger Rathaus. Und Gundula landete für eine Nacht im Gefängnis.

Neben dem Sozialismus im Allgemeinen ging es ihr um die Gleichberechtigung der Frauen und um Erziehungsfragen im Speziellen. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Otto-Suhr-Institut bot sie Seminare an. Eine Zeit lang forschte sie über die „Kollektiverziehung in der DDR“ – und scheiterte letztlich, weil sie die Schulen der DDR nie von innen sehen durfte.

Seit Mitte der siebziger Jahre gab sie Kurse der politischen Bildung, vor allem zu Erziehungsfragen, an der Volkshochschule Wolfsburg. Es waren fast nur Frauen, die ihre Kurse besuchten, Männer interessierten sich kaum für ihre Themen. Umso sicherer war sich Gundula, dass sich an der Situation der Frauen noch viel ändern musste.

Sie erlebte die Ungerechtigkeit ja selbst: Als 1978 ihre Tochter Katinka geboren wurde, ein Wunschkind, gab sie ihre unbefristete Festanstellung in Wolfsburg auf. Bodo Zeuner, ihr Ehemann, hatte als Professor in Berlin den besseren Job. Fortan holperte es in ihrem Berufsleben; sie arbeitete freiberuflich in der Schülerberatung und gab Seminare für die Gewerkschaft.

Nach der Trennung von Bodo 1987 entschied sie sich für einen lebenspraktischen Politikstil: Sie löste ihre eigenen Probleme so, dass andere in der gleichen Lage davon profitieren konnten. Sie gründete eine Beratungsstelle für den Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf. Immer wieder schrieb sie Konzepte für neue Projekte und warb um Fördergelder, von denen ihre Arbeit bezahlt wurde. Das war nicht nur gut und interessant, sondern auch sehr anstrengend.

Auch ihre Lebensplanung im Alter verband sie mit einer Gemeinschaftssache. Nachdem ihre Tochter ausgezogen war, lebte sie allein; aber alleine alt werden, das wollte sie nicht, ebenso wie viele andere. Also beteiligte sie sich an der Gründung eines Wohnprojektes für Frauen. Der „Beginenhof“ in Kreuzberg wurde nach den Vorstellungen der künftigen Bewohnerinnen gebaut. Dort zog sie ein. Im Gemeinschaftsraum organisierten sie Veranstaltungen: einen politischen Gesprächskreis, Fotoausstellungen, Kurse.

Obwohl sie bei „Amnesty International“ mitarbeitete, für die „Stolpersteine“ Lebensläufe von Nazi-Opfern recherchierte, einen Literaturkreis besuchte, nach Ostasien reiste, oft in Gesellschaft von Freundinnen oder ihrer Tochter war, haderte sie mit der Sinnfrage: Als zu bruchstückhaft empfand sie ihr Tun. Was sie selbst leistete, hatte sie schon früher wenig wertschätzen können. Immerhin aber: Als sie an Krebs erkrankte, erleichterte die Fülle dessen, was sie erlebt hatte, den Abschied. Ebenso wie die Tatsache, dass ihre Tochter nun erwachsen war und ohne sie zurechtkommen würde. Candida Splett

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