Berlin : Gustav-Adolf Merseburg (Geb. 1921)

Ein duftender Gentleman im schnellen Auto

Florian Simon

Die Romanze beginnt im Lehrerzimmer der Rütli-Schule im Jahr 1967. Gustav-Adolf Merseburg, duftend und elegant im weißen Trenchcoat. Begrüßung mit tiefer Verbeugung. Die Lehramtsanwärterin sitzt ihm gegenüber, als der Schulleiter fragt, wer denn ihr Mentor werden wolle. Der gesamte Lehrköper schweigt, so wird jeder Einzelne aufgerufen.

„Merseburg?“ – „Lieber nicht.“

Dieses unverfrorene „Lieber nicht“ ist der Widerhaken, der sich im Herz der jungen Frau verfängt. Und wie es der Zufall will, haben beide jeden Sonnabend eine gemeinsame Freistunde. Zeit für Unterhaltungen bei einer Tasse Tee. Die junge Frau will Geschichten aus Russland hören. Von dort ist ihr Vater nie wiedergekommen. Und wie so viele Männer seines Jahrganges kennt Gustav-Adolf Merseburg Frankreich, Polen und auch Russland.

Er ist in Kreuzberg aufgewachsen als Sohn eines Versicherungsmathematikers und einer Kontoristin. Nach dem Abitur der Krieg und nach dem Krieg die russische Gefangenschaft, drei Jahre Sibirien. Die Rückkehr wird bis zu seinem Tod als zweiter Geburtstag gefeiert. Sein Anfangskapital besteht aus einem Sommer- und einem Winteranzug, geborgen aus dem zerbombten Elternhaus. Auf dem Schwarzmarkt ertauscht er keine Zigaretten, sondern Parfüm. Viel später, wenn Schüler ihren Lehrer suchen, wird man ihnen antworten: Immer dem Geruch nach. Eigentlich will er Jurist oder Archäologe werden, aber Lehrer werden in den Zeiten, da Berlin in Schutt und Asche liegt, mehr gebraucht. Im Schulseminar lernt er seine Frau kennen. Heirat 1951, Geburt einer Tochter 1956.

Merseburg ist ein Lehrer, der niemanden zurücklässt. Er besucht seine „Rumpelstilzchen“ zu Hause, erkundigt sich nach Lebenszielen: Tankstellenwart, Kfz-Mechaniker, Bauarbeiter. Und er tut, was in seiner Kraft steht, dass die Schüler dorthin gelangen.

In der Zeit des Wirtschaftswunders findet Merseburg eine weitere Leidenschaft: schnelle Autos. In einem solchen bringt der duftende Gentlemen die Lehramtsanwärterin nach Schulschluss nach Hause. Merseburg wird Schulleiter eines Neuköllner Bildungszentrums, ein Vorläufer der Gesamtschule. Die junge Frau folgt ihm dorthin. In den Sommerferien sitzen sie zusammen über den komplexen Stundenplänen. Sie werden Vertraute. Merseburg unterstützt sie, bezieht sie in seine kleine Familie ein. Er ist ihr Vorbild. Sie bewundert ihn, wenn er Gedichtinterpretationen im Unterricht aus dem Ärmel schüttelt. Nach dem Geheimnis seiner Unterrichtsvorbereitung gefragt, antwortet er, dass er sich davor die Haare kämme.

Seine Frau erkrankt an Krebs und erduldet die Krankheit zehn Jahre lang. Ein Jahr vor ihrem Tod kann Merseburg nicht mehr. Seine Diagnose: Überfunktion der Schilddrüse. Er scheidet aus dem Schuldienst aus. Nach dem Tod seiner Frau wird er 17 Jahre alleine in seinem Haus wohnen. Die Versorgung übernimmt seine Mutter, die er liebevoll „König Muttern“ nennt, und die im selben Haus wie die ehemalige Lehramtsanwärterin wohnt. Er will nicht wissen, woher der Sohn der Lehrerin kommt.

Sein neues Aufgabenfeld ist der Second-Hand-Laden der Gemeinde in Lichterfelde. Hier kann Gustav-Adolf Merseburg einer weiteren lebenslang gehegten Leidenschaft nachgehen: der Mode. Nach dem Tod der Mutter kocht seine Geliebte für ihn. Als ihr Sohn die Volljährigkeit erreicht hat, zieht sie bei Merseburg ein – und eröffnet ihm, dass dieser junge Mann sein Sohn ist. Florian Simon

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