Berlin : Gute Arbeit, wohin man schaut

Acht Länder, fünf Wochen, sechstausend Kilometer: Es gibt viel zu erzählen. Erst recht, wenn man durch die eigentlich so nahen, aber bisher so fernen Länder fährt, die am 1. Mai der Europäischen Union beitreten. Tagesspiegel-Reporter Stefan Jacobs hat sich auf den Weg gemacht – im Auto, mit Notizblock, Kamera und offenen Augen

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Krise? Nie gehört

Mladá Boleslav, km 336: Alle 75 Sekunden rollt ein neuer Skoda vom Band. 550 Euro verdienen die Leute, die ihn bauen. Sie sind zufrieden

Mladá Boleslav ist unsere erste Station in Tschechien. Ein Drittel des Stadtgebietes gehört Skoda – und ein Großteil der Straßen in gewisser Weise auch: In Massen sind hier die neuesten Modelle unterwegs, die in den Hallen zwischen Stadt und Autobahn gebaut werden.

Am Ende des Fließbandes schließt sich alle 75 Sekunden piepend eine Schranke. Die eiligen Staplerfahrer müssen das nächste fertige Auto abwarten, bevor sie durchstarten und neue Paletten mit Scheinwerfern oder Räder ans Band bringen. Alle 75 Sekunden rollt ein neuer Skoda Fabia unter das Neonlicht der Endkontrolle. Montags bis freitags von null bis 24 Uhr. 20 000 Menschen arbeiten hier, 47 000 Einwohner hat die Stadt.

In Mladá Boleslav hört man keine Klagelieder, sondern das Dröhnen von Maschinen. Weil alle 75 Sekunden irgendwo auf der Welt – meist in Tschechien oder Deutschland – jemand einen Skoda Fabia kauft. Auch bei Dänen, Polen, Slowaken und Briten ist die Marke beliebt. In Finnland und Schweden laufen die Geschäfte wegen hoher Einfuhrzölle schlechter. „Wenn Tschechien in der EU ist, dürfte das besser werden“, sagt die Pressefrau auf der zehnminütigen Fahrt vom Werkstor zum Fließband.

Zehn Autominuten in den beheizten Ledersesseln einer fast lautlos rollenden Limousine. Natürlich auch ein Skoda. Einer, den alle 20 Minuten jemand kauft. So ähnlich hatte sich das der Mutterkonzern Volkswagen bei seinem Phaeton auch vorgestellt. Aber die Limousine aus Dresden verkauft sich nur im Stundentakt.

Bevor die Fabias vom Band zur Endkontrolle rollen, kommen sie bei Alexandra Pantliková vorbei. Sie testet die Sitzverstellungen und kontrolliert die Laufzettel. Acht Stunden am Tag – macht 384 Autos von Schichtbeginn bis Feierabend, an dem sie in ihrem Fabia nach Hause fährt. Die 384 leuchtet von einer Tafel an der Hallendecke. Darunter werden ständig Soll und Istwert für die Schicht aktualisiert: 223 zu 225. Bisher lief der Tag nach Plan. So wie das ganze Leben von Alexandra Pantliková, wenn man davon absieht, dass sie als kleines Mädchen mal Verkäuferin werden wollte. Jetzt ist sie 25 und seit sieben Jahren bei Skoda. Ihre Großmutter hat hier gearbeitet, die Mutter auch. Früher lag die Frauenquote am Band bei 50 Prozent, jetzt sind es immerhin noch 30. „So schwer ist die Arbeit nicht und gut bezahlt werde ich auch“, sagt Alexandra Pantliková zwischen zwei Autos. Sie verdient rund 550 Euro im Monat. Davon träumen Akademiker und Angestellte in kleineren Betrieben.

Die Pressefrau bittet ins Pentagon, zum Personalvorstand. Pentagon nennen sie bei Skoda den eigentlich viereckigen Klotz, in dem die Chefs arbeiten. Auch Personalchef Helmuth Schuster, ein VW-Veteran, seit drei Jahren in Tschechien. Hier brauche man keine angelernten Kräfte, weil alle eine richtige Ausbildung hätten, sagt Schuster. Wenn die Gewerkschaften sich zurückhielten, bleibe Tschechien auch langfristig erste Wahl. Es müsse sich aber vom „Land der goldenen Hände“ zum „Land der goldenen Köpfe“ wandeln, sagt Schuster und redet sich in Fahrt: „Es ist eine Katastrophe, dass man in England oder den USA mit dreißig Professor sein kann und in Tschechien erst jenseits der Fünfzig!“ Der Nachwuchs an den Unis werde so schlecht gepflegt, dass die Ingenieure bald knapp werden dürften. Auch an der Politik lässt Schuster kein gutes Haar: unprofessionelle Akteure, die weder wüssten, wie man EU-Töpfe öffnet noch Fremdsprachen beherrschten. Zusammen mit dem reformbedürftigen Bildungswesen und der seit 1990 fast halbierten Geburtenrate sieht Schuster Probleme kommen, „deren Dimension noch nicht alle erkannt haben“.

Pawel Vacek dagegen ist unbesorgt. Der 40-Jährige ist Herr über die 3000 Arbeiter, die in der Halle nebenan Dreizylindermotoren und Getriebe bauen. Früher nur für Skodas, seit einem Jahr auch für VW- und Seat-Modelle. „Wir haben ganz bewusst viele Arbeiten manuell gelassen“, sagt er beim Blick auf das 150 Meter lange Montageband unten in der Halle. „Mechanisierung wäre meist teurer.“ Zehn bis 15 Jahre werde es dauern, bis in Tschechien das durchschnittliche Lohnniveau der alten EU-Länder erreicht sei, schätzt er. Seine Leute können Prämien für Rationalisierungsvorschläge erhalten. Im vergangenen Jahr kamen 4500 Ideen.

Draußen poltert der nächste Fabia über die Prüfstrecke. Wieder 75 Sekunden um.

Der Vertriebene

Prag, km 406: Ein Tscheche engagiert sich für die Sudetendeutschen

Peter Barton ist selbstbewusst, aber er versteckt sich. Seine „Begegnungs- und Kontaktstelle“ entdeckt nur, wer sie sucht, obwohl sie mitten in der Prager Innenstadt zwischen Hradschin und Karlsbrücke liegt. Nur „SKS / SL“ – die tschechische und die deutsche Abkürzung für „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ steht an der Klingel. Ein drei viertel Jahr hat Peter Barton gesucht, bis er im März 2003 die Räume hinter den stets zugezogenen Gardinen beziehen konnte. Erst wollte ihn niemand als Nachbar, und als er endlich ein Büro hatte, bekam er Bombendrohungen und seine Sekretärin wurde angespuckt.

„Wir leisten humanitäre Arbeit“, sagt der Tscheche, der die Hälfte seiner 45 Lebensjahre in München verbracht hat. Er spricht fließend Bayrisch mit tschechischem Akzent. „Nur von zwei Dingen lassen wir die Finger: Eigentumsfragen und Benes-Dekrete.“ Fettnäpfe stehen überall, aber auf Minen will Barton nicht treten. Die Dekrete regelten nach dem Krieg die Vertreibung der etwa 3,5 Millionen Sudetendeutschen, die seit dem Mittelalter am Westrand des heutigen Tschechien siedelten, bevor sie von Tschechen schikaniert und von Hitler als Türöffner für den Einmarsch in die Tschechoslowakei benutzt wurden.

Vor kurzem konnte Barton feiern: Ein Tscheche hat seinen Dachboden entrümpelt und dabei ein deutschsprachiges Familienalbum gefunden. Er trug es zu Barton, der in Heimatarchiven fahnden ließ, bis die Tochter der einst vertriebenen Bewohner das Album in den Händen hielt. Barton lächelt bescheiden, als er diese Geschichte erzählt. Einen Großteil der Arbeit erledigen ja die deutschen Helfer der SL; Barton vermittelt nur. Fünf Ordner füllt die Post des vorigen Jahres; private Anfragen größtenteils, meist von Tschechen, die sich beispielsweise nach ihren Nachbarn erkundigen, die vor 59 Jahren aus dem Haus geprügelt wurden. In anderen Briefen bitten Deutsche um Hilfe, weil sie für die BfA eine Geburtsurkunde brauchen – oder in den veränderten politischen Verhältnissen die Chance sehen, gegen ihre Enteignung zu klagen.

Barton beantwortet alles, aber er hilft nicht immer. Wegen der Minen, und weil er nebenbei Kontakte zur Prager Politik pflegen und die tschechische Tagespresse sichten muss. „Es steht jeden Tag was in der Zeitung“, sagt Barton.

Nicht alle Berichte gefallen ihm. Aber er ist zufrieden, dass sich die Leute jetzt überhaupt ans Thema Vertreibung trauen. Zumindest ein paar mehr als früher, aber längst nicht alle. „Es wäre schön, wenn uns der deutsche Botschafter auch offiziell hier besuchen würde“, sagt Barton. Genauer möchte er darauf nicht eingehen, zumal er jetzt das Treffen mit der AG „Flüchtlinge und Vertriebene“ der CDU-CSU-Bundestagsfraktion vorbereiten muss. Acht Parlamentarier wollen ihn nachher besuchen. Die wissen, wo sie klingeln müssen.

Sein Bier

Brno, km 725: Bei Ladislav Stejskal braut sich was zusammen

Morgens kommen nur ein paar Gestrandete ins Brauhaus zu Ladislav Stejskal, gegen Mittag wird es voll, spätestens um 18 Uhr ist kein Tisch mehr frei. Es sind vor allem Einheimische, die bei Stejskal in der Altstadt von Brno ihr Bier trinken. Wenn man Stejskal fragt, ob er seine Brauerei bald EU-normgerecht umbauen muss, dann legt sich eine senkrechte Falte auf seine Stirn und er sagt: „Nur Kleinigkeiten. Am Boden muss ich die Kanten abrunden, die Rohre unter der Decke brauchen eine Verkleidung und die Wände müssen glatte Oberflächen bekommen.“ Dabei zieht Stejskal mit dem Zeigefinger sein linkes Auge herunter, um zu zeigen, wie lächerlich er solche Vorschriften findet.

Vor neuer Konkurrenz fürchtet er sich jedenfalls nicht, denn das Bier, das er vor den Augen seiner Gäste braut, wird nur hier in der Bierstube „Pegas“ und in zwei weiteren „Pivnicy“ in der Altstadt von Brno ausgeschenkt. Stejskal hat Pils, Dunkles, Hefeweizen und Kristallweizen im Angebot. Er braut mit mährischem Malz und mit Hopfen aus der Prager Gegend. „Von dort kommt etwa die Hälfte der gesamten Produktion für die Tschechoslowakei – äh, ich meine, für Tschechien“, sagt der 45-Jährige, der seinen Beruf in der berühmten „Starobrno“-Brauerei gelernt hat. Die Technik in seiner Bierstube stammt von 1991, so dass sich ein betagter Computer um die Details kümmert. Stejskal muss nur regelmäßig in den lausig kalten Keller, wo er mit dampfendem Atem Kessel schrubbt und die zähflüssige Hefe absaugt. Einen knappen Monat reift das Bier im zwei Grad kalten Kessel, bevor es zum Zapfhahn gepumpt wird. Geöffnet ist die Kneipe täglich von neun Uhr bis Mitternacht. 2000 Liter braut er jeden Tag. Er ist der einzige Brauer im „Pegas“. Krank wird er nicht, sagt er, und wenn doch mal was ist, können die anderen fragen kommen, was sie machen müssen. Er wohnt ja nur drei Häuser weiter.

Demnächst wird er also sein kleines Reich auf EU-Standard bringen. Am Geschmack des Bieres braucht er nichts zu ändern.

Hinter den Katen das Musterhaus

Rusovce, km 826: Die kleine heile Welt zwischen Hundehütte und Donaudeich

Aus der City von Bratislava fährt man über die Donau und hält sich leicht rechts. Hinter der Plattenbausiedlung Petržalka wird das Land weit und grün. Hier liegt Rusovce, fünf Autominuten von Österreich entfernt. Das Dorf besteht aus ein paar Katen entlang der Hauptstraße und einer neuen Eigenheimsiedlung nahe dem Donaudeich, in der kein Winkel dem Zufall überlassen bleibt. Die in Traufhöhe und Neigung aufeinander abgestimmten Dächer leuchten in Rot, die Wege sind aus Verbundpflaster, die Hundehütten stehen parallel zum Gartenzaun. 4,7 Millionen Kronen kostet solch ein Domizil – knapp 120 000 Euro. Kein attraktives Angebot, wenn man, wie zuvor ein junger Polizist in Bratislava erzählt hat, 300 Euro netto im Monat verdient. Ein Drittel geht für die Miete weg, der Rest bleibt für Alltag, Auto und vielleicht mal einen kleinen Urlaub. Auf die Frage, ob man von 200 Euro leben könne, lächelt der Polizist und sagt: „Man muss.“ Im Kaufland gibt es passable Weißbrot-Hörnchen für drei Cent, aber Nutella und die anderen Westprodukte sind teurer als in Deutschland. Das Musterhaus in Rusovce interessiert die meisten Slowaken nicht: Wer Glück hat und in einer der Auto- oder Maschinenfabriken rund um das boomende Bratislava arbeitet, verdient 400 Euro. Die meisten Rentner bekommen ein Viertel davon. Gebückt laufen sie Dorf- und Landstraßen entlang, die Sorge ums tägliche Brot im Gesicht. 400 Straßenkilometer sind es von Bratislava bis zur ukrainischen Grenze – mit vielen Schlaglöchern und atemberaubendem Wohlstandsgefälle.

Die Reise geht weiter: Die Slowenen lesen gern, aber sie kaufen selten Bücher. Ein Winzer sieht zu, wie vor seiner Tür eine neue Grenze entsteht. Und Budapest ist ein Verkehrsmuseum.

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