Gute Konjunktur hilft : Berliner Schuldenspirale dreht sich langsamer

Rund zwölf Prozent der erwachsenen Stadtbewohner haben zu wenig Geld, um "auf absehbare Zeit" ihre Schulden zurückzahlen zu können. Damit ist Berlin nach dem aktuellen Länder-Ranking von Creditreform weiterhin Zweitletzter.

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Grafik: Tsp
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Berlin soll reicher werden, sagt Klaus Wowereit vor seiner dritten Amtszeit. Die 363268 überschuldeten Berliner kann er damit kaum gemeint haben. Rund zwölf Prozent der erwachsenen Stadtbewohner haben zu wenig Geld, um „auf absehbare Zeit“ ihre Schulden zurückzahlen zu können. Damit ist Berlin nach dem aktuellen Länder-Ranking von Creditreform weiterhin Zweitletzter. Nur Bremen hat noch miesere Werte.

Es gibt aber auch Licht am Ende des Schuldentunnels: Wegen der guten Konjunktur ist die Zahl der Überschuldeten in Berlin von 2010 auf 2011 um 9500 gesunken, das entspricht einem Rückgang von 2,5 Prozent. Im Vergleich zum schlechtesten Jahr in der Creditreform-Statistik, 2007, hat die Zahl sogar um 17 Prozent abgenommen.

Im Vergleich der Stadtteile (siehe Grafik) schneidet Zehlendorf am besten ab, Wedding ist Schlusslicht. Unter fünf Weddingern ist einer überschuldet, das ist schon bemerkenswert. In allen Stadtteilen ist die Überschuldung gegenüber 2010 leicht gesunken, mit Ausnahme von Spandau und Hellersdorf. Die Ostbezirke (Schuldnerquote: 11,8 Prozent) stehen etwas besser da als die Westbezirke (12,6 Prozent). Im Bundesdurchschnitt liegt die Schuldnerquote bei 9,38 Prozent.

Verringert hat sich der Anteil der Überschuldeten besonders deutlich in Friedrichshain, Kreuzberg, Alt-Pankow, Prenzlauer Berg und Alt-Mitte – also in Trendvierteln, die einen starken Zuzug verzeichnen. Die ehemalige Schuldnerhochburg Friedrichshain, 2004 mit einer Quote von 16,6, machte 5,3 Prozentpunkt gut und liegt nun unterm Berliner Durchschnitt und deutlich besser als der Nachbar Kreuzberg.

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die ihre Zahlen vor allem aus Inkassofällen herleitet, unterscheidet zwei Typen von Schuldnern. Die einen haben noch eine realistische Chance, sich aus ihrem Schuldenloch herauszuarbeiten. Die anderen sind „strukturell“ überschuldet und profitieren auch nicht von einer wirtschaftlichen Erholung, weil sie psychische Probleme haben oder chronisch krank sind. Die Experten sprechen von einem „veränderungsresistenten Schuldnersockel“.

Dieser Sockel hat gegen den Trend zugenommen. Von den 363 000 überschuldeten Berlinern fallen 217 000 in diese Kategorie, also fast 60 Prozent. Betrachtet man diese Gruppe in den einzelnen Stadtteilen, ergibt sich ein überraschendes Bild: In Hellersdorf, Hohenschönhausen und Spandau stieg die Zahl der strukturell Überschuldeten seit 2006 zwischen 15 und 20 Prozent, in Tempelhof, Treptow und Reinickendorf zwischen 11 und 13 Prozent. Der Schluss liegt nahe, dass viele Schuldner, die von Transferleistungen abhängen, aus den Trendvierteln in weniger nachgefragte Quartiere umgezogen sind. Damit wäre das Phänomen der Gentrifizierung auch durch die Schuldnerquoten bestätigt.

Bundesweit werden die Schuldner immer jünger, konstatieren die Creditreform-Experten. Mit weniger Schuldnern sei in Zukunft kaum zu rechnen.

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