Berlin : Gute Laune für den guten Zweck

Wie Berlin von Benefizfesten profitiert

Elisabeth Binder

Walzer tanzen zwischen Rosensträußen. Austern schlemmen an schleifengeschmückten Tischen, Small-Talk im Ballkleid zwischen glitzernden Diademen: Berlin tut Gutes. Nicht nur sich selbst, sondern auch anderen. Aids, Schlaganfall, Krebs – kein Thema, in dessen Namen man sich nicht zu Dinner und Tanz zusammenfinden könnte.

Noch vor wenigen Jahren pflegte man hier verbreitet die Einstellung, im Angesicht des Elendes könne man sich unmöglich amüsieren. Champagner trinken für unglückliche Kinder? Tanzen für Aidskranke? Dinieren für ein Hospital? Das alles galt als frivol und völlig unmöglich. Das machte man einfach nicht. Was in den USA, wo der Staat kein Vater ist, der für alles Sorge trägt, sondern ein Gebilde, an dem sich alle beteiligen, längst der normale Weg des Geldauftreibens war, hatte hier das Ansehen eines XXL-Fettnäpfchens. Also blieb das Geld, wo es war. Um die Mühseligen und Beladenen kümmerte sich der Staat so schlecht und recht, wie er eben Geld hatte. Das hat er, wie man weiß, immer weniger. Inzwischen werden auf Benefiz-Galas Hundertausende Euro aufgetrieben. Tendenz steigend. Zwischen tanzen und essen und trinken bleibt viel Zeit zum Plaudern. Berlin ist nicht immer, aber manchmal das Thema. „Guck mal über die Hälfte im Smoking, und die meisten sogar mit ordentlichen Söckchen. Das hätt’s früher in Berlin nicht gegeben.“ Oder so: „Muss die mit ’ner grauen Straßenhose zum Ball kommen? Typisch Berlin!“ Oder so: „Wir müssen was tun für die Stadt.“ Aber was? An dieser Stelle beginnen entweder die Reden. Oder eine Band von der lauteren Sorte spielt auf.

Die Wohltätigkeitsaktionen beweisen ja, dass es in Berlin Geld gibt, dass auch zum Teil Geld eingeflogen wird. Der Small-Talk, dass sich was ändern muss, an Klamotten, an Haltung, an was auch immer, zeigt, dass all die Menschen, die an die Spree gekommen sind, sich Gedanken machen und dazu gehören wollen. Wenn das nächste Jahr nun einen Teil der Gedanken und des Geldes in neue Kanäle leiten könnte, hätte es sich ein goldenes Plus am Ende verdient. Ein Berlin-Benefiz, das wär’s. Jeder, der teilnimmt, macht sich schön, um das Klischee von den schlecht angezogenen Berlinern glanzvoll Lügen zu strafen. Es gibt Hummer und Tanz. Aber im Mittelpunkt steht jeweils die Rede eines international anerkannten Unternehmensberaters. Er spricht darüber, was man mit dieser Stadt anfangen kann. Wenn er Geld dafür will, dann kriegt er den Erlös des Abends.

New York hat es geschafft. Washington hat es geschafft. Warum nicht Berlin? Die zehn wichtigsten Thesen aus dieser Rede gibt es statt Rosen oder ADAC-Karten am Schluss als Giveaway. Zum Aufgreifen und Weiterreichen. Überall auf der Welt gibt es Stars, die das „Ich bin ein Berliner“-Gefühl in sich tragen. Die lädt man ein, um den erwachenden Corpsgeist zu stärken. Jeder Gast darf eine Idee formulieren und sie in eine Lostrommel werfen. Diese Ideen werden versteigert, auch wenn sie nur einen ideellen Wert haben. Gewonnen hat der, dessen Idee den meisten finanziellen Zuspruch bekommt. Als Zeremonienmeister eignet sich der Regierende Bürgermeister.

Eins wäre damit auf jeden Fall und leicht zu wecken. Das Bewusstsein, dass jeder mitmachen kann, um der Misere den Todesstoß zu versetzen.

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