Berlin : Gute Nachbarn

Im Lichtenberger Wohnprojekt „Lichte Weiten“ leben Junge und Ältere in einer Hausgemeinschaft. Sie sagen: „Wir kennen uns alle und sind füreinander da.“

Susanne Thams
Da wächst was. Der 79-jährige Edmund Seifert im 1600 Quadratmeter großen Garten zusammen mit Daniel Kubick und den Kindern Clara und Blanka. Foto: Uwe Schwarze
Da wächst was. Der 79-jährige Edmund Seifert im 1600 Quadratmeter großen Garten zusammen mit Daniel Kubick und den Kindern Clara...

Er ist mit 79 Jahren der Älteste im Haus. Und zugleich der Jüngste. „Ich bin als Letzter eingezogen“, sagt Edmund Seifert, den alle hier nur „Eddie“ nennen. Als seine Frau im vergangenen Jahr starb, gab er die Mietwohnung im Treptower Baumschulenweg auf und zog in die barrierefreie Erdgeschosswohnung des Lichtenberger Gemeinschaftsmodells für generationenübergreifendes Wohnen „Lichte Weiten“. Vier Stockwerke höher, im Dachgeschoss, wohnt Eddies Enkelin Catharina mit ihrem Freund und ihrer Tochter.

Dabei war der pensionierte Jurist zunächst nicht sonderlich begeistert, als seine Enkelin vor zwei Jahren als eine der ersten von 22 Bewohnern in den Altbau in der Wönnichstraße einzog. Eine Architektin und ein Projektplaner hatten die Idee aufgebracht, nach und nach fanden sich Bewohner, ein Verein wurde gegründet. „Ich war skeptisch“, gibt der Großvater zu. „Das Gebäude glich anfangs einer Ruine und musste dringend saniert werden. Und auch mit völlig Fremden als Hausgemeinschaft unter einem Dach leben zu wollen, hielt ich für gewagt.“

Für Catharina Rafoth, 28, und ihren Freund Daniel Kubiak, 28, war es hingegen der Versuch, nicht länger anonym zu leben. „Wir haben vorher in einem Mietshaus im Prenzlauer Berg gewohnt“, sagt Daniel Kubiak. „Da habe ich mal die Nachbarn an der Haustür getroffen und gefragt, ob sie gerade eingezogen sind, weil ich sie noch nie gesehen hatte. Aber sie lebten seit fünf Jahren dort, ich selbst seit sechs.“ Zusammen mit Tochter Clara, damals noch ein Säugling, machte sich das Paar auf die Suche nach einem geeigneten Gemeinschaftsprojekt.

Der Wunsch nach sozialer Nachbarschaft wächst. Etwa 130 Wohnprojekte und Baugruppen für Gemeinschafts- und Generationenwohnen gibt es in Berlin. Aufgrund der hohen Nachfrage nach alternativen Wohnformen richtete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2008 die kostenlose Erstberatung durch die „Netzwerkagentur GenerationenWohnen“ ein. Wie bei einer Partnervermittlung können Interessierte dort anhand eines Fragebogens das eigene Profil hinterlegen und sich über schon bestehende Projekte oder solche, die in der Planung stecken, informieren. Etwa 700 Personen kamen bisher in die Beratungsstelle. „Über die Hälfte der Interessenten ist über 60 Jahre alt, knapp 80 Prozent sind Frauen“, sagt Sabine Eyrich von der Netzwerkagentur.

Die Stadtplanerin und ihre vier Kollegen helfen und beraten auch bei allen Fragen rund um Finanzierung, Grundstückskauf und rechtliche Aspekte und bringen außerdem Baugruppen mit Architekten, Finanzleistern und Ingenieuren zusammen. „Zuerst muss man sich klar werden, was man will“, rät Eyrich. „Eigentum kaufen oder zur Miete wohnen? Neu bauen oder sanieren?“ Am wichtigsten ist die Frage, mit welchen Menschen man auf welche Weise zusammenleben will.

Auch die 50 Jahre alte Museumsmitarbeiterin Cornelia Hiller zog vor eineinhalb Jahren mit ihrer fast erwachsenen Tochter in eine der elf Mietwohnungen von „Lichte Weiten“. Seit sie das Haus vor zwei Jahren an eine gemeinnützige Stiftung verkauften, zahlen die Bewohner nur noch Miete. Zusätzlich stellen sie eine Bürgschaft und eine Einlage bereit, verwalten sich als Verein aber selbst.

Eine clevere Lösung, denn häufig scheitern geplante Projekte bereits an der Finanzierung, weiß die Netzwerkagentur „Generationen-Wohnen“. Als Faustregel gilt: 20 Prozent des veranschlagten Gesamtbetrags müssen Baugruppen an Eigenkapital selbst einbringen. Banken wie die KfW oder die Umweltbank vergeben zinsgünstige Kredite. Zuschüsse gibt es nur für ökologische oder soziale Aspekte. Die hausinterne Wasseraufbereitungsanlage von „Lichte Weiten“ wurde gefördert, schließlich verbraucht sie nur ein Viertel des sonst üblichen Durchschnitts. Als Nächstes planen die Lichtenberger, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach zu installieren, um einen Teil des Stroms selbst zu erzeugen. „Aber die eigentliche Herausforderung bleibt das Miteinanderleben“, sagt Beraterin Sabine Eyrich. In der Hausgemeinschaft von „Lichte Weiten“ herrscht das Konsensprinzip. Eddies Einzug wurde einstimmig beschlossen: „Wir wollen noch einen Alten!“, waren sich die Bewohner einig, die im vergangenen Jahr einen 30., einen 40., einen 50., zwei 60. und einen 70. Geburtstag im Haus feierten. Im Winter wird der Hausflur für sie zum verlängerten Wohnzimmer, im Sommer trifft man sich draußen im 1600 Quadratmeter großen Garten.

„Natürlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen“, sagt Daniel Kubiak. So wurde lange diskutiert, was eigentlich Unkraut ist. Für einige gehörte alles, was nicht gepflanzt wurde, dazu. Andere sagten, es gebe überhaupt kein Unkraut. Bei einem der wöchentlichen Hausgemeinschaftstreffen rannte auch schon mal jemand wutentbrannt fort. Aber ausgezogen ist bislang keiner.

Edmund Seifert legte seine erste Skepsis bald ab. Das Wohnprojekt ist für ihn die beste Lösung im Alter. „Im Notfall kann mir immer jemand im Haus helfen.“ Wenn Daniel Kubiak seine Nachbarn eine Etage tiefer mal zwei Tage nicht sieht, geht er sicherheitshalber runter. „Wir sind füreinander da“, sagt er. „Das ist der große Unterschied.“

Nützliche Adressen: www.netzwerk-generationen.de; www.experimentcity.de;

www.wohnportal-berlin.de; www.wohnprojekte-berlin.info

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