Gute Vorsätze zu Neujahr : Aller Anfang ist leicht

Abnehmen, weniger Alkohol trinken, mit dem Rauchen aufhören: Das nehmen sich viele zum neuen Jahr vor. Doch oft wird daraus nichts. Woran liegt das? Von der Verführungskraft guter Vorsätze und den Tücken der Verhaltensänderung.

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Morgenröte. Mehr Sport zu treiben gehört zu den Klassikern der guten Vorsätze. Foto: dpa
Morgenröte. Mehr Sport zu treiben gehört zu den Klassikern der guten Vorsätze. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

An drei Dingen mangelt es zu Silvester in unserem Land eigentlich nie: An Feuerwerk, Schaumwein und guten Vorsätzen. Fast die Hälfte der unter Dreißigjährigen und immerhin fast 30 Prozent der über Sechzigjährigen fassen für das neue Jahr die Änderung ihres Verhaltens in mindestens einem Punkt ins Auge. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts. Dieselbe Untersuchung zeigt allerdings auch: Schon Mitte Januar haben acht Prozent der Änderungswilligen ihren Vorsatz aufgegeben, 27 Prozent geben zu Protokoll: „Es klappt nur mit Einschränkungen.“

Eigentlich erstaunlich, wie viele Menschen dennoch nicht müde werden, immer wieder gute Vorsätze zu fassen. Und immer wieder dieselben, bei denen es um die eigene Gesundheit geht: Sei es nun, mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen, mehr Sport zu treiben oder weniger Alkohol zu trinken. 60 Prozent derjenigen, die mit einem solchen Projekt scheitern, nehmen es sich im nächsten Jahr wieder vor, so zeigen Studien.

Schon die Absicht, sein Verhalten zu ändern, löst gute Gefühle aus

„Ist das ein Zeugnis für die Robustheit des menschlichen Geistes oder für seine Unfähigkeit, sich Fakten zu stellen?“, fragten sich angesichts dieser Zahl vor einigen Jahren die Psychologen Janet Polivy und Peter Herman von der Universität Toronto. Mit einem neuen Ansatz versuchten sie sowohl die Gründe für das Scheitern als auch die für den unbeirrten neuen Anlauf zu verstehen. So kreierten sie das „Syndrom der falschen Hoffnung“. Dass es eine Falle für Veränderungswillige darstellt, erläutern die kanadischen Gesundheitspsychologen anhand des verbreiteten Wunsches, schlanker zu werden. Die meisten scheiterten daran, weil sie sich zu hohe Ziele stecken und sich vorstellen, schnell, leicht und viel abzunehmen, ohne den Effekt auf andere Lebensbereiche zu bedenken. Die Brücke vom Scheitern zur erneuten Hoffnung werde geschlagen, indem man einen Schuldigen ausmacht: „Ich muss beim nächsten Mal härter gegen mich selbst sein!“ Oder auch: „Ich muss nur eine bessere Diät finden!“ Wer es wieder und wieder versuche, werde oft von Illusionen darüber angetrieben, dass große Belohnungen folgen, wenn nur das Ziel erst erreicht ist. Dazu kommt aus psychologischer Sicht natürlich das gute Gefühl, das schon die erklärte Absicht zur Verhaltensänderung auslöst: „Der Diät-Veteran ist mit der Freude sehr vertraut, die der Entschluss zur Diät auslöst.“

Routine bietet verführerische Sicherheiten

Entschluss ist jedoch nicht gleich Veränderung. Den Verlockungen des Aufbruchs stehen nämlich die Sicherheiten entgegen, die die Routine bietet – und auch sie sind verführerisch. „Das vielleicht größte Hindernis gegen eine Verhaltensänderung besteht darin, dass das Festhalten am Gewohnten und das Weitermachen wie gehabt eine starke Belohnung in sich tragen“, sagt der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth.

Wer sich nicht wenigstens ansatzweise auf den Kampf gegen solche eingeübten Gewohnheiten und gegen den inneren Schweinhund vorbereite, habe schlechtere Chancen, sagt auch die Psychologin Karin Vitzthum, die am Vivantes-Klinikum Neukölln Kurse zur Tabakentwöhnung anbietet. „Man sollte die Sache im Kopf durchspielen und auch Hindernissen ins Auge sehen.“ In der festen Struktur einer Gruppe ist es ihrer Erfahrung nach leichter, das Projekt durchzuhalten.

Das gilt auch für den Vorsatz, der in Deutschland am weitesten verbreitet ist. 38 Prozent der erwachsenen Deutschen haben schon mindestens einmal eine Diät gemacht, fast die Hälfte möchte gern abnehmen, so zeigt wiederum eine Allensbach-Umfrage. Es sind Zahlen, die seit Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stabil geblieben sind – auch was das Scheitern betrifft: Nur jeder Fünfte sagt, er oder sie sei mit einer Diät „ganz erfolgreich“ gewesen, genau so viele waren „nicht erfolgreich“. Eine Mehrheit von 56 Prozent bezeichnet sich als „teilweise erfolgreich“. In vielen Fällen mag der „Teilerfolg“ die Situation der ersten Wochen beschreiben, als die Motivation ebenso hoch war wie die Veränderungen im Erscheinungsbild erfreulich. Aus diesem ermutigenden Anfang, an den man sich zudem gern erinnert, nähren sich nach Ansicht von Polivy und Herman die falschen Hoffnungen der „Diät-Veteranen“. Die Psychologen kommentieren nur nüchtern: „Fast jede Diät hat Erfolg, bevor sie scheitert.“

Schon weil jeder gescheiterte Versuch am Selbstbewusstsein nagt, weil Schuldgefühle und Selbsthass daraus resultieren können, ist es aber wichtig, gute Voraussetzungen für das Durchhalten zu schaffen. Neben der stärkenden Kraft der Gruppe und realistischen Zielsetzungen könnte dabei ein drittes Element helfen: Vorsätze im Doppelpack. „Manche tun sich leichter, wenn sie mehrere Dinge auf einmal anpacken“, sagt Psychologin Vitzthum. Mit dem Rauchen aufhören und mit dem Laufen beginnen, mehr Obst und Gemüse essen und weniger Wein und Bier trinken. Klingt erstaunlich – kann aber funktionieren.

In der Gruppe fällt es häufig leichter, Vorsätze beizubehalten. Das Programm M.O.B.I.L.I.S. richtet sich an stark Übergewichtige. Es hilft ihnen ein Jahr lang bei der richtigen Bewegung und beim Abnehmen. Im Frühjahr startet eine neue Berliner Gruppe, Infos unter www.mobilis- programm.de sowie der zentralen Telefonnummer 0761- 50 39 10.

Vivantes bietet Raucherentwöhnungskurse an. Nächster Info-Abend im Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention im Krankenhaus Neukölln am 5. Januar von 17 bis 18 Uhr. Voranmeldungen und weitere Infos per Mail: karin.vitzthum@vivantes.de.

Auch seelische Ausgeglichenheit kann positive Effekte auf den Körper haben. Wege zu mehr Zufriedenheit und Gelassenheit im neuen Jahr beschreibt der deutsch-amerikanische Autor Eckart Tolle in seinen Büchern, zum Beispiel „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ (Kamphausen Verlag, 269 Seiten, 14, 80 Euro).

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