Berlin : Gymnasien machen es den Schülern leichter

Im Probehalbjahr sind überraschend wenig Kinder durchgefallen – auch, weil das Leistungsniveau gesenkt wurde

Susanne Vieth-Entus

Berlins Gymnasiasten sind dieses Jahr überraschend gut durch die Probezeit der siebten Klasse gekommen. Nach Informationen des Tagesspiegel sank die Durchfallquote leicht. Erwartet worden war das Gegenteil, weil extrem viele schwächere Schüler auf den Gymnasien gelandet waren. Offenbar haben etliche Schulen ihr Niveau gesenkt, um die Schüler halten zu können.

Dafür könnte es laut Bildungsverwaltung mehrere Gründe geben. So bangen – nicht nur im Ost-Teil – viele Schulen um ihre Existenz, weil sie zu wenig Schüler haben. Zudem sitzt vielen Lehrern die Pisa-Kritik in den Knochen, wonach Deutschland Meister im „Aussieben“ von Schülern ist und deshalb zu wenig Abiturienten „produziert“.

„Man muss auch die schwächeren Schüler zunächst abholen, wo sie sind, aber dann muss man sie stark fördern. Sonst leidet das Niveau“, warnt Harald Mier vom Verband der Oberstudiendirektoren, der die Mehrzahl der Berliner Gymnasien vertritt. Im Übrigen fordert er, im Probehalbjahr nicht zu lasch zu bewerten: „Hier zu scheitern, ist nicht so schlimm wie mehrfaches nicht versetzt werden“, ist seine Erfahrung. Möglicherweise werden viele Schüler, die jetzt knapp durchrutschten, schon am Ende der siebten Klasse auf der Strecke bleiben, denn zum Schuljahresende sind weniger Fünfen erlaubt als beim Probehalbjahr. Viele Schulleiter plädieren seit langem für strengere Bestimmungen bei der Probezeit.

Ursache für die diesjährige „Schülerschwemme“ in den siebten Gymnasialklassen sind veränderte Grundschulgutachten: Seit diesem Jahr müssen die Lehrer bei einem bestimmten Notenschnitt automatisch eine Gymnasialempfehlung geben, auch wenn sie den Schüler nicht für geeignet halten. Dies hatte dazu geführt, dass statt 29 Prozent fast 40 Prozent der letztjährigen Sechsklässler eine Empfehlung für ein Gymnasium bekommen hatten. In der Folge landeten dort rund 700 Schüler zusätzlich.

Insgesamt scheiterten 857 Schüler von gut 12 024 Gymnasiasten. Dies sind 7,1 Prozent (2002: 7,3 Prozent). Bei den Realschulen fielen zehn Prozent durch das Probehalbjahr – 695 von 6600 Schülern (2002: 9,4). Unverändert hoch war die Misserfolgsquote bei den Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache: Von ihnen musste wieder jeder Fünfte (320 Schüler von 1600) das Gymnasium nach dem Probehalbjahr verlassen. Die meisten von ihnen hatten nur eine Empfehlung für die Realschule. Gymnasien müssen alle Schüler aufnehmen, solange es die Kapazitäten erlauben.

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