Gymnasiumszugang : Noten sind nicht alles

Eltern und Bildungsexperten wehren sich in Berlin gegen Senatspläne, den Zugang zum Gymnasium neu zu regeln. Für Unmut sorgt vor allem der Vorschlag, allein anhand der Noten zu entscheiden, wer aufs Gymnasium darf.

Susanne Vieth-Entus
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Durchhalten. Gymnasien wie die Albert-Schweitzer-Schule haben sich auf eine schwierige Schülerklientel eingestellt. Foto: K....

In der Diskussion um eine Verschärfung der Zugangsregelungen zum Gymnasium greifen Eltern und Bildungsfachleute die aktuellen Senatspläne scharf an. Im Besonderen warnen sie davor, den Zugang allein über Noten zu regeln. „Je nach Leistungsniveau der Klasse wechseln die Noten für dieselbe Leistung“, warnte am Sonntag Landeselternsprecher André Schindler. Er bezieht sich auf eine wissenschaftliche Expertise der Uni Siegen im Auftrag des Grundschulverbandes.

Demnach seien die Noten „nicht vergleichbar, da die Bewertung in der Regel auf den Durchschnitt einer Klasse bezogen ist“. Anders ausgedrückt: Eine „Zwei“ in Deutsch ist in Wedding leichter zu bekommen als in Köpenick, wo fast alle Kinder Deutsch als Muttersprache haben. Schindler fordert deshalb, dass weiterhin der Elternwille ausschlaggebend ist bei der Wahl der Schulform.

Auch Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) warnte davor, den Noten eine zu hohe Bedeutung beim Wechsel von der Grundschule auf die Oberschule beizumessen. Er hält es für besser, es bei der jetzigen Regelung zu belassen, bei der neben den Noten auch die Empfehlung der Grundschule und der Elternwille entscheidend sind. Auch das Probehalbjahr möchte Schimmang beibehalten, weil es schwachen Grundschülern die Gelegenheit gibt, sich auf dem Gymnasium zu beweisen.

„Das Probehalbjahr muss bleiben“, fordert auch FDP-Bildungs politikerin Mieke Senftleben. Angesichts der „Irrtümer“, die bei den Grundschul noten passierten, sei das notwendig. Hingegen plädiert Sascha Steuer von der CDU für ein Nebeneinander von Probe unterricht, Aufnahme gespräch und „adäquatem Test“, um die Eignung eines Schülers für das Gymnasium zu ermitteln. Auch Steuer warnt davor, allein die Grundschulnoten zur Grundlage beim Übergang auf das Gymnasium zu machen. Erfahrungen in anderen Bundesländern hätten gezeigt, dass die Eltern „massiven Druck“ auf Lehrer ausüben, wenn der Übergang auf das Gymnasium einzig an den vier Hauptfachnoten hängt.

Wie berichtet, will der Senat den Zugang zum Gymnasium erschweren, damit nur leistungsstarke Schüler hier unterkommen: Schließlich sollen sie in nur zwölf Jahren zum Abitur geführt werden, argumentiert Bildungssenator Jürgen Zölner (SPD). Zudem sollen Gymnasien nicht mehr das Recht haben, schwache Schüler „nach unten“ abzugeben. Auch deshalb ist es für sie wichtig, keine zu schwachen Kinder aufzunehmen. Zöllner hat sich allerdings noch nicht festgelegt, auf welche Weise und wie stark der Zugang reglementiert werden soll.

Der Landeselternausschuss hat nun ausgerechnet, was der Zugang über den Notenschnitt bedeuten könnte: Läge der Schnitt bei 2,5, wären laut Landeselternsprecher André Schindler künftig rund 20 Prozent der jetzigen Gymnasiasten außen vor. Bei einem Schnitt von 2,0 sogar 25 Prozent, schätzt Schindler.

Bislang hat Berlin sehr liberale Aufnahmebedingungen: Bei freien Kapazitäten muss jeder Schüler am Gymnasium genommen werden. Mit einer Realschulempfehlung kommen jedes Jahr rund 1300 Sechstklässler auf ein Gymnasium. Aber auch eine Gymnasialempfehlung ist in Berlin leicht zu bekommen: Sogar bei einem Notenschnitt von 2,3 bis 2,7 können Lehrer eine Empfehlung für das Gymnasium aussprechen.

In der Folge führt das dazu, dass Berlins Eltern recht entspannt durch die Grundschulzeit ihrer Kinder gehen können: Während in anderen Bundesländern schon Drittklässler Nachhilfe bekommen, um nur nicht die Gymnasialempfehlung zu verpassen, können sich die Berliner relativ sorglos der sechsten Klasse nähern. Als Brandenburg vor zwei Jahren plötzlich strengere Bedingungen an die Aufnahme am Gymnasium knüpfte, meldeten aufgeschreckte Mütter ihre Kinder in Scharen von Sportvereinen oder dem Klavierunterricht ab.

„Wenn ein strenger Notenschnitt kommt, müssen Gymnasien geschlossen werden – vor allem in den Innenstadtbezirken“, erwartet Gerhard Schmid, Schulrat in Friedrichshain-Kreuzberg und Sprecher des Bundes Freiheit der Wissenschaft. Allerdings würde er das bedauern, da dann zwangsläufig der Migrantenanteil sinken würde. Er plädiert dafür, die Gymnasien nicht zu verkleinern, sondern dort den Sprachförderunterricht zu stärken. Susanne Vieth-Entus

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