Berlin : György Fehéri (Geb. 1953)

"Ich komme gerade aus meinem Bergwerk."

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Eines verspreche ich: Wenn ich das Ende dieses furchtbaren Krieges erlebe, verlasse ich das Judesein und ich verlasse auch Ungarn.“ Der Schwur des Vaters erfüllte sich nicht ganz. Die Familie blieb in Ungarn, und auch wenn der Vater die Religion nicht mehr lebte, so hat er doch zwei wichtige Filme über die jüdische Geschichte gedreht: einen über das Auschwitz-Album, 193 Bilder betitelt „Aussiedlung der Juden aus Ungarn“. Die Bilder klebten auf 56 Kartonseiten, waren von SS-Männern aufgenommen worden und zeigten, wie die Menschen vor ihrer Vergasung malträtiert wurden. Der zweite Film handelte von der Geschichte des Antisemitismus in Ungarn.

„58 Jahre später, 2002, habe ich mich entschieden, dieses Problem, jetzt als mein ganz persönliches Problem, neu auf die Tagesordnung zu setzen …“ Der Holocaust, das Undenkbare zu denken, das ließ György Fehéri nach dem Tod des Vaters nicht mehr los.

Er hatte in Budapest Literaturwissenschaft studiert und war dann nach Ost-Berlin gekommen. Seit 1991 arbeitete er im Collegium Hungaricum, dem ungarischen Kulturinstitut: bis 2002 als stellvertretender Institutsleiter, bis 2011 als Referent für Literatur und Film. Er publizierte Essays, Kritiken und literaturhistorische Arbeiten, war ständiger Autor der ungarisch-jüdischen Zeitschrift „Múlt és Jövö“ und gründete das deutsch-ungarische Internetportal „HuBook“. Das sind die Rohdaten eines Lebens, das länger währte, als er es je erhofft hatte.

György Fehéri hatte zwei Brüder, der eine starb als Frühchen, der andere als junger Mann, Knochenkrebs. György selbst, „Gyuri“, wie man ihn im Alltag rief, wurde im Teenageralter krank, die Nieren waren von Zysten befallen. Mit 20 glaubte er, nur noch drei, vier Jahre leben zu können.

Der Wohnort entschied über die Lebenserwartung. In Budapest war die medizinische Versorgung nicht ausreichend gesichert. Er ging nach Ost-Berlin, denn nur dort übernahm der Staat die Kosten seiner Versorgung. Zweimal scheiterte die Transplantation einer neuen Niere, sein Immunsystem war zu stark. Es folgten 27 Jahre und sechs Monate Dialyse. Viermal die Woche vier Stunden. „Wenn jemand Zeit zum Lesen braucht, kann ich die Dialyse nur empfehlen“, scherzte er.

Innerhalb von vier Stunden nahm er drei Kilo ab. Schwerstarbeit für den Körper, den Geist und die Seele. „Ich komme gerade aus meinem Bergwerk“, nannte er das.

Als er nach Berlin kam, sprach er zunächst kein Wort Deutsch. Er lernte schnell, unterrichtete zunächst an der Humboldt-Universität, immer bemüht, sich im Rahmen der von oben verfügten sozialistischen Orthodoxie intellektuelle Freiräume zu schaffen. Das Geistesleben in Budapest zehrte von der Erinnerung an die großen Zeiten des Sonntagskreises, der Philosophen und Künstler wie Lukács, Mannheim, Balázs versammelt hatte. Ein wenig davon konnte György Fehéri nach Berlin retten. Dank seines Enthusiasmus’ und seiner Neugier, die jeden für sich einnahm.

Was er der Krankheit abtrotzte, war eine ungeheure Lebensfreude. Er haderte nicht. Niemals war er um eine Idee, einen guten Rat, ein Lachen verlegen. Seit er 20 war, dachte er Tag für Tag an den Tod, und doch hat er ihm bis zuletzt keine Macht über sich und seine Gedanken eingeräumt.

„Er konnte nicht verstehen“, erzählt Birke, seine letzte, seine große Liebe, „dass manche Leute, die in einer Beziehung leben oder keine suchen, sich sozusagen ,vom Markt nehmen’, also in Kleidung, vielmehr aber in Verhalten und Gestik, asexuell daherkommen. Er hat noch in schwierigsten Zeiten im Krankenhaus die Schwestern als weibliche Wesen wahrgenommen und sich selbst um Charme und Liebenswürdigkeit bemüht. Darin war keine Spur von Anmache, es hatte auch nichts mit Flirten zu tun. Dieses Sich- nicht-gehen-lassen bedeutete überhaupt nicht, dass man sich aufbrezelt, es war einfach eine selbstverständliche Umgangsweise. Die leise Spannung zwischen Mann und Frau gehört zum Leben, was nicht bedeutet, dass man alles, was man denken und dem oder der Richtigen gegenüber auch aussprechen kann, auch ausleben muss … Er war treu, aber nicht blind.“

Wer alle zwei Tage zur Dialyse muss, regt sich über die Kleinigkeiten des Alltags nicht auf, sondern lernt sie lieben. Er mochte gutes Essen, Soljanka im „Gorki- Park“, Kalbsfilet auf Hauspasta beim Italiener „Il Mondo“, Kuchen im Garten des Kolbe-Museums, Mittagessen am Müggelsee. Viele kleine Fluchten vor der Krankheit, der neuen Krankheit, dem Krebs.

Sein letztes großes Projekt wäre zugleich sein Lebenswerk gewesen: Das „Abschreibungsprotokoll“, alles, was sich an Büchern, Erinnerungen, Gedanken, Gefühlen, Zeitungsartikeln fand, noch einmal anschauen, sichten, notieren. Ein unmögliches Unterfangen, nur die Idee blieb, und ein Eintrag: Erinnerung an die Wohnung der Großmutter. Diese Arbeit hielt ihn am Leben, als es längst schon unerträglich schien. Mehr noch war es: die Liebe.

„Er sagte: nachdem seine zweite Frau ihn verlassen hatte, habe er geglaubt, dass das für ihn nicht mehr vorgesehen war, die Liebe.“ Und sie, Birke? „Als es anfing, hat mir jemand gesagt: So einen kranken Mann wünsche ich dir nicht. Was hätte ich verpasst!“ Gregor Eisenhauer

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