Berlin : Gysis Plan: PDS-Punk soll Thierse schlagen

AXEL BAHR

Angela Marquardt ist Wunschkandidatin für Mitte/Prenzlauer Berg / Suche nach Prominentem bisher vergeblichVON AXEL BAHR BERLIN.Nach monatelanger Suche hat sich die PDS offenbar für eine Kandidatin für den Bundestagswahlkreis 249 (Mitte/Prenzlauer Berg) entschieden.Nach Informationen des Tagesspiegels gilt Angela Marquardt derzeit als die Favoritin der vierköpfigen Findungskommission der PDS-Spitze.Der 26jährigen Studentin Marquardt werden die besten Chancen im Duell um das für die PDS womöglich überlebenswichtige Direktmandat gegen SPD-Bundesvize Wolfgang Thierse eingeräumt.Die ebenfalls in die engere Wahl genommene Berliner PDS-Landesvorsitzende Petra Pau ist demnach aus dem Rennen. Kolportiert wird allerdings noch immer die Möglichkeit einer "Personallösung" außerhalb der PDS."Viele sprechen darüber, aber komischerweise kann oder will niemand in der Partei einen konkreten Namen nennen", sagt ein PDS-Parlamentarier.Denn trotz intensiver Suche ist es der PDS bislang nicht gelungen, wie 1994 eine prominente Persönlichkeit ohne Parteibuch für diesen Bundestagswahlkreis zu gewinnen.Bei der letzten Wahl war hier der Schriftsteller Stefan Heym erfolgreich für die PDS angetreten.Die Schriftstellerin Daniela Dahn hatte bereits vor Monaten abgewunken, nachdem ihr Name öffentlich gehandelt worden war.Auch Gysi zog letztlich seinen angestammten Wahlkreis Marzahn/Hellersdorf vor. Heym verwies vor vier Jahren Thierse auf den zweiten Platz, holte als dritter PDS-Kandidat einen Wahlkreis direkt und sicherte der Partei damit den Einzug in den Bundestag.Gelänge das auch 1998, könnte das eine rot-grüne Kanzlermehrheit in Bonn auch dann verhindern, falls die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.Für die CDU und die Bündnisgrünen gehen mit Günter Nooke und Marianne Birthler zwei ehemalige DDR-Bürgerrechtler ins Rennen.Thierse sieht darin eine Schwächung seiner Position gegenüber einer PDS-Kandidatin. Wie es in der PDS-Parteizentrale im Karl-Liebknecht-Haus heißt, macht sich insbesondere Gregor Gysi für Angela Marquardt stark.Beide führten vor zwei Tagen ein längeres Gespräch über ihre Kandidatur.Ein parteiinternes Gerücht, Gysi werde anläßlich seines 50.Geburtstages am 16.Januar Marquardt als Kandidatin vorstellen, wird von Parteisprecher Hanno Harnisch nicht bestätigt: "Davon ist nicht die Rede." Marquardt sagte dem Tagesspiegel, sie sei im Rennen und stehe zur Verfügung: "Die Herumeierei muß bald ein Ende haben, wir brauchen eine Entscheidung bis spätestens Ende Januar." Die durch ihr schrilles Äußeres auffallende Marquardt ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft "Junge GenossInnen" in der PDS.Schlagzeilen machte sie mit Äußerungen, Gewalt sei in der politischen Auseinandersetzung "nicht per se eine schlechte Kategorie".Das Amtsgericht sprach sie im vergangenen Jahr von dem Vorwurf frei, per Internet zu Straftaten aufgerufen zu haben.Gysi traut ihr am ehesten zu, die zunehmend junge und aus dem Westen stammende Wählerklientel in Prenzlauer Berg für die PDS einzunehmen.Die an der Basis anerkannte Petra Pau hingegen gilt bei den Vordenkern in der PDS als zu glatt und konturlos, um der Partei in dem schon aus symbolischen Gründen wichtigen Wahlkreis Profil zu verleihen.Pau selbst hatte offiziell betont, ihr Hauptaugenmerk liege auf der Landespolitik.Dem Wunsch der Partei werde sie aber folgen. André Brie, neben Gysi, Parteichef Lothar Bisky und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch Mitglied der Kandidatin-Findungsgruppe, bestätigt die "Tendenz", einer Kandidatin aus den Reihen der Partei den Vorzug zu geben.Für ihn ist Angela Marquardt "äußerst wichtig für das Erscheinungsbild der PDS", deren Mitglieder noch zu 60 Prozent Rentner sind."Wir stehen unter dem Druck der Öffentlichkeit wie der Basis und müssen schnellstmöglich zu einer Entscheidung gelangen", so Wahlkampfleiter Brie.Ein klares Bekenntnis, daß die Wahl auf Marquardt gefallen ist, will Brie aber dennoch nicht abgeben.Die Basis reagiere äußerst gereizt, wenn sie parteiinterne Empfehlungen aus den Medien erfahre. Das kann Hagen Reuter, Geschäftsstellenleiter der PDS-Mitte und Flurnachbar von Brie nur bestätigen."Man versucht in Kontakt zu bleiben", beschreibt er das Kommunikationsklima in der PDS-Zentrale.Bislang sei seines Wissens nichts in "Sack und Tüten".Frau Marquardt sei zwar "sehr nett", aber eine Bundestagsabgeordnete brauche mehr "Gereiftheit", was für die acht Jahre ältere Petra Pau spreche.Das kann die für die PDS auf dem Hohenschönhausener Bürgermeisterstuhl sitzende Bärbel Grygier nicht nachvollziehen.Die eloquente Parteilose, die selbst für den Wahlkreis im Gespräch war, bezeichnet die Auswahl Marquardts als einen geschickten Schachzug Gysis: "Das wäre eine gute Entscheidung für die Partei."

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar