Berlin : Haackes Holztrog: Thierses Erde kommt als erste in den Reichstag

Benjamin Wagener

Der Holztrog im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes hat eine Länge von 21 und eine Breite von sieben Metern. Der Boden ist mit grauem, grobem Kies bedeckt. 14 Buchstaben aus schwarzem Metall, die durch eine weiße Leuchtoberfläche von innen beleuchtet werden können, ragen 40 Zentimeter aus dem Kiesbett heraus. Von der Besucherterasse erkennt man den in 1, 2 Meter hohen Frakturbuchstaben gehaltenen Schriftzug in seinem ganzen Ausmaß: "Der Bevölkerung" ist zu lesen - bezugnehmend auf die Reichstags-Widmung "Dem Deutschen Volke". Der in New York lebende Künstler Hans Haacke hat die Installation geschaffen - oder sie zumindest in die Wege geleitet. Denn vollendet werden muss sie ab heute von den 669 Abgeordneten des Bundestages.

Die Parlamentarier sollen je einen Sack Erde aus ihrem Heimatwahlkreisen mit in die Bundeshauptstadt bringen und in den Holztrog schütten. Die Erde aus allen deutschen Landesteilen soll den Schriftzug umgeben und gleichzeitig das Kunstwerk begrünen: Sprießen soll all das, was mit der Erde in die Hauptstadt kommt. Als erster wird heute nachmittag Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bei der offiziellen Übergabe die Erde seines Wahlkreises Prenzlauer Berg in den Trog schütten. Sie stammt vom Jüdischen Friedhof am Senefelder Platz, wo Thierse am Wochenende gegraben hatte. Der Jutesack wird direkt in der Mitte der Holzeinfassung, beim "Ö" beginnend, von Innen nach Außen auf das Kiesbett geschüttet werden. Die Einfüll-Aktion der mitgebrachten Erde soll in den kommenden Tagen weitergehen.

Ob der Plan von Hans Haacke allerdings vollständig realisiert werden kann, ist unklar. Keiner weiß, wieviel Parlamentarier sich beteiligen. Kritiker hatten dem Künstler eine gefährliche Nähe zur Blut- und Bodenideologie vorgeworfen. Insbesondere die Abgeordneten der CDU hatten angekündigt, sich nicht an der Aktion beteiligen zu wollen. Deshalb geht Haacke auch davon aus, dass der Platz für die mitgebrachte Erde reichen wird. "Wir glauben nicht, dass alle die Jutesäcke gefüllt mitbringen werden", so die Auskunft aus dem Berliner Büro des Künstlers. "Und wenn doch, dann wird es eben ein größerer Haufen." Ein wesentlich größerer wahrscheinlich - wenn nämlich alle 669 Abgeordneten des Parlaments dem Aufruf folgten und beide Jutesäcke mit jeweils 25 Kilogramm Erde gefüllt mitbrächten, wäre der Holztrog zu klein.

Beteiligen wird sich der Berliner CDU-Abgeordnete Siegfried Helias. Seine Erde kommt allerdings nicht aus seinem Wahlkreis, sondern aus mehreren Ländern der EU. Unter anderem aus Österreich, in den Jutesack geschaufelt am Platz vor dem Wiener Rathaus. "Österreich gehört zu Europa - ohne Wenn und Aber!"

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