Berlin : Habibi Amadeus Ali Faisal Abnaya (Geb. 1957)

Mit seinen Kindern sprach er nur Deutsch, er wollte nicht, dass ihr Herz zerrissen wird, so wie das seine zerrissen wurde

Peter Müller

"Habibi“, Freund, so begrüßte er freudig jeden, der an seinen Falafelstand auf dem Charlottenburger Karl-August-Platz trat. „Habibi“ wurde auch er genannt. Wer sein Lächeln sah, lächelte unwillkürlich zurück. Kinder kamen besonders gern. Für sie gab es die Falafel nicht selten umsonst und Kleingeld obendrauf. „Man muss etwas zurückgeben, wenn es einem gut geht.“ Seine Freundlichkeit war ansteckend, und jeder spürte, es war eine besondere Aura um ihn. Es hieß, er könne heilen allein durch Handauflegen. Eine Gabe, geerbt von seiner Großmutter. „Ich weiß nicht, was da genau passiert“, gestand er seiner Freundin, „ich lege meine Hände auf, ich verbinde mich nach oben, das war’s.“ Habibi, Freund, du bist gesund.

Faisal kam aus dem Irak. Die Mutter war 14 bei seiner Geburt und gab ihn zu einer Amme. Als er neun Jahre alt war, forderte sie ihn zurück. Die Amme kämpfte um ihren kleinen Prinzen, verlor den Rechtsstreit und starb, ohne ihn je wiedergesehen zu haben. Er sprach darüber nicht gern. Er sprach nie gern über seinen Kummer. Sein Vater war Polizist, auch er starb früh, die Mutter trauert noch heute um ihn. Die kleine Familie zog vom Süden des Landes nach Bagdad. Das Geld war knapp, Faisal half der Mutter, seine zwei kleinen Brüder und die Schwester zu ernähren. Mit einem Obstwagen zog er durch die Stadt. Ein Onkel warb ihn für die kommunistische Partei an, was leicht fiel, denn Faisal glaubte an das Gute im Menschen. Er geriet ins Visier der Polizei, fürchtete jeden Tag verhaftet zu werden. Als Saddam Hussein ein Kopfgeld auf ihn aussetzte, floh Faisal in den Libanon. Wirre, gefahrvolle Jahre im Untergrund. Er nahm Geld, wo immer er es kriegen konnte, und gab es denen, die noch ärmer waren. Er überlebte mit knapper Not einen Giftgasanschlag, entkam mehrfach aus Folterkellern, überstand Feuergefechte unverletzt, ein magischer Mantel schien ihn zu schützen. Zehn Jahre dachte die Familie, er sei tot. Er selbst hat wenig über diese Zeit erzählt. Er hat viele Menschen leiden sehen. Das verfolgte ihn in seinen Träumen bis zuletzt.

Dank „Ärzte ohne Grenzen“ kam er 1985 nach Deutschland und gesundete – körperlich.

In Berlin wurde aus Faisal Amadeus der Frauenheld. Tagsüber arbeitete er in einer Pizzeria, nebenbei handelte er mit allem, was Geld brachte. Geld für die Familie im Irak. Nachts wilderte er im „Far Out“, der Disko am Ku’damm. Wann immer Gefahr von einer Verflossenen drohte, spielte der DJ Falcos Hit. „All the women loved him and each one shouted: Come on and rock me Amadeus.“ Das Lied wurde sehr oft gespielt.

Er hat die Frauen nicht geliebt dafür, dass sie ihn liebten, und er hat sich selbst nicht geachtet dafür, dass er nicht zur Ruhe kam. Er brachte Musik in ihr Leben und auch Kummer. Amadeus hatte vier Kinder mit vier Frauen, und er tat sich schwer, Ordnung in sein Leben zu bringen. Obwohl er auf seine Weise ein sehr frommer Mensch war. Seine muslimischen Freunde kannten ihn als Ali. Sein Glaubensbekenntnis: Es gibt nur einen Gott, und es ist ganz egal, wie er genannt wird und wo man ihm begegnet, ob in einer Moschee oder in einer Kapelle, und überhaupt, wer weiß, ob dieser eine Gott nicht in Wahrheit eine Göttin ist. So wurde nach seinem Tod ein islamisches Totengebet für ihn gesprochen und ein christliches. Seine Leiche wurde in den Irak überführt, obwohl er sich nach seinem letzten Besuch dort geschworen hatte, nicht in der Heimat beerdigt werden zu wollen. Er sah keine Hoffnung mehr für sein Land. Mit seinen Kindern sprach er nur Deutsch, er wollte nicht, dass ihr Herz zerrissen wird, so wie das seine zerrissen war. In Cafés debattierte er mit Freunden stundenlang über den Krieg der Völker und der Religionen. Ein noch so kurzer Gang durch Kreuzberg dauerte Stunden, weil jeder ihn kannte. Seien es die Obdachlosen, für die er Geld gesammelt hatte, oder die vielen arabischen Freunde, denen er half, sich in der Fremde zurechtzufinden.

Seine Großmutter hatte ihm in der Heimat schon vor Jahren eine Grabstelle gekauft. Und sie war es auch, die ihm kurz vor seinem Tod erschien und ihn mahnte: „Du musst in der Heimat beerdigt werden.“ Sie war eine heilige Frau gewesen, zu der viele Hilfesuchende gepilgert waren. Sie war es auch, die ihm prophezeit hatte, dass viele Frauen ihn lieben würden. Und dass er, wenn er die Frau findet, die er lieben kann, sterben würde.

Neun gemeinsame Jahre hatten er und Annette. Sie war so gar nicht die Frau, die er sich vorgestellt hatte. Sie bot ihm Paroli, war kein gehorsames Hausmütterchen, sondern ein Sturkopf genau wie er. „Warum liebe ich gerade dich?“, seufzte er ab und an in gespielter Verzweiflung, aber dann musste er nur die gemeinsame Tochter Jamila ansehen, und er wusste, warum.

Die Liebe war groß. Der Tod sollte fernbleiben. Er ist jedem Gespräch über das nahende Ende ausgewichen. Ja, er hatte Schwächen. Er war unordentlich, unbeherrscht zuweilen, drückte sich ganz gern vor Steuererklärungen und deutschen Grammatikbüchern, war oft ganz unleidig vor Weltschmerz. „Annette, ich nimm dich, wie du bist, nimm du mich, wie ich bin.“ Als Mann mit vielen Gesichtern und einem sehr großen Herzen.

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