Berlin : „Hach, dieser Goethe“

Die Landesbibliothek hat noch viele unentdeckte Schätze – aber etliche schimmeln

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Von Stefan Jacobs

„Wo wollen Sie denn hin?“, erkundigt sich der Pförtner hinter seiner dunklen Hornbrille. „Ich arbeite hier – als Chefin“, sagt Claudia Lux, während sie sich schon gegen die Glastür stemmt. Jetzt erinnert sich auch der Pförtner und gibt den Weg zu den Schatzkammern frei.

Claudia Lux, 52, Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek, eilt durch das Labyrinth im Marstall am Schlossplatz, um die neueste Entdeckung ihres für Bestandserhaltung zuständigen Kollegen Detlef Bockenkamm zu begutachten, einen Autographen von 1825: „Meinen feyerlich Bewegten / Mache Danck und Freude kund: Das Gefühl das Sie erregten / Schließt dem Dichter selbst den Mund.“ Claudia Lux kichert: „Hach, dieser Goethe!“ Dieser Goethe. Er ist es wirklich. Ein Original, aufbewahrt und zufällig wiedergefunden in einer Schublade der Landesbibliothek.

Die Stiftung Zentral- und Landesbibliothek entstand 1995 aus der Fusion von Berliner Stadt- und Amerika-Gedenkbibliothek. Im vorderen Gebäudeteil schleppen täglich mehrere tausend Besucher Bücher, Zeitschriften und CDs hin und weg. Hinten in dem verwinkelten Gemäuer warten noch eine Menge Schubladen darauf, dass jemand sie aufräumt und Ordnung in das über 80 Jahre gewachsene Chaos bringt.

Ihren Anfang nahm die Unordnung wohl schon 1921, als die Stadtbibliothek mitsamt 221 000 Bänden ins Marstallgebäude zog, das seit der Revolution von 1918 etwas verloren zwischen Spree und Breiter Straße stand. Privatleute wie Rudolf Virchow und Institutionen wie das Friedrichswerdersche Gymnasium hatten der Stadtbibliothek ihre Bestände überlassen, und weil immer neue hinzu kamen, gerieten die Mitarbeiter mit dem Katalogisieren in Verzug.

So wuchsen Bücherstapel und Zettelwirtschaft, bis das Papier schließlich aus Schubladen, Regalen und Räumen quoll. Der Krieg dezimierte zwar die Bestände, vergrößerte aber das Durcheinander, weil viele Werke in weit entfernte Regionen ausgelagert worden waren. Als mit der Spaltung Berlins 1948 viele Mitarbeiter die Bibliothek verließen, wurde alles noch schwieriger. 1974 musste für den Bau des benachbarten Palastes der Republik auch im Marstall-Keller Platz geschaffen werden; die dort verwahrten Bestände wurden in eine Scheune an den Stadtrand gekarrt. Dort lagen sie zwanzig Jahre zwischen feuchten Mauern, bis die Chefin und der Mann für die Bestandserhaltung sich ihrer erbarmten. Nun haben sie die Bücher wieder – und mit ihnen ein Schimmelproblem. Die schlimmsten Fälle lagern in einem Kabuff, das wegen der giftigen Sporen nur mit Atemschutz betreten werden darf.

Unter einer Neonfunzel liegen graubraungelbliche Bündel, die schon beim scharfen Hinsehen zerfallen. Zwischen den Bröseln stehen Plastikdöschen voll farbenfroher Schimmelproben. Um das Problem in den Griff zu bekommen, erzählt der Konservator, müsste man alle Seiten einzeln behandeln. Und dafür wiederum müsste man den gesamten deutschen Kulturetat in die Stadtbibliothek umleiten, wonach es aber momentan nicht aussieht.

Also muss Bockenkamm bei jeder Schublade neu entscheiden, was zu retten ist und wie. Es schimmelt ja nicht alles, aber alles nach 1850 Gedruckte zerfällt, weil seitdem holz- und säurehaltiges Papier verwendet wird. „Mit allem, was noch früher gedruckt wurde, auf Papier aus Lumpen nämlich, haben wir kaum Probleme. Unsere 400 Jahre alten Bücher überstehen auch die nächsten 400 Jahre.“ Bis ins 19. Jahrhundert wurden sogar Mumien von Ägypten nach England transportiert, um aus den Binden Papier zu machen, erzählt Bockenkamm. Dann sei ein Sachse auf die Idee mit der Säure gekommen, so dass Bockenkamm jetzt gerade vor der Frage steht, ob er eine hundert Jahre alte Ausgabe der Zeitschrift „Rasensport“ sanieren, kopieren, fotografieren oder digitalisieren soll. Filmen wäre ihm am liebsten, weil das Material fünfhundert Jahre hält. Bockenkamm hat den Goethe wieder weggeräumt und läuft mit der Chefin durch das Magazin im Keller. Dort riecht es wie in der Herrenumkleide, weil die Wände feucht sind und die Bücher schwitzen. Das Sortiment reicht von der „Preußischen Staatshaushaltsordnung“ bis zur fast kompletten DDR-Schallplattensammlung. Was hier steht, ist schon sortiert und kann zwar nicht mitgenommen, aber im Haus studiert werden. Wer einmal richtig eintaucht, kann 500 Jahre Berlin- und Weltgeschichte erfahren und kommt so schnell nicht wieder raus.

Weil sie gerade im Keller ist, zeigt Claudia Lux gleich noch die unterirdischen Gänge zum Schlossplatz. Sie sind provisorisch vermauert, aber die Chefin sieht schon die Transportbänder mit Büchern zwischen Marstall und dem neu bebauten Schlossplatz rattern. Für sie ist selbstverständlich, dass die Bibliothek ins künftige Schloss gehört. „Die Bibliothek wird noch existieren, wenn künftige Restaurants auf dem Schlossplatz längst wieder zugemacht haben.“

Zum Thema Schlossplatz hat Detlef Bockenkamm neulich auch eine bemerkenswerte Schublade geöffnet. Darin lag eine Mappe mit Fotos, die den Prachtbau versteckt hinter einer Häuserzeile zeigen, die zugleich den Spreeblick verstellt. Zwischen den Bildern lag der Brief eines gewissen Herrmann Ziller vom 20. Mai 1886. Darin präsentiert der Architekt den „Entwurf zur Freilegung des Königlichen Schlosses in Berlin“ und regt den Aufkauf der Häuser „zum Zwecke des Abbruchs“ an. Der Adressat des Briefes ist unbekannt, nicht aber der Erfolg: Auf den neueren Fotos ist die Häuserzeile verschwunden.

Die Bibliothek veranstaltet Führungen hinter ihre Kulissen, dabei sind auch Einblicke ins Archiv möglich. Tel.: 9022 6334.

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