Berlin : Hackescher Markt: Schlechte Aussichten für Abschleppdienste

Stephan Wiehler

Keine zwei Minuten steht der Lieferwagen einer Bäckerei auf der beidseitig zugeparkten Oranienburger Straße in zweiter Reihe, da schrillt die anrollende Straßenbahn aus Richtung Hackescher Markt den Fahrer aus dem Café. Wenige Meter weiter, an der Ecke in Höhe Monbijoupark, streitet ein Baustellenleiter mit Polizeibeamtinnen über die Autos, die die Zufahrt zu seiner Baustelle versperren. Die Polizistinnen weigern sich, den Abschleppdienst zu rufen, weil auf der Sondergenehmigung für die Halteverbotszone der amtliche Stempel fehle. Der Mann vom Bau schnaubt vor Wut: "Letzte Woche haben wir den Bereich mit eigenen Wagen versperrt, damit sich niemand hinstellt. Die haben Sie sofort abgeschleppt. Jetzt kann ich sehen, wie meine Laster auf die Baustelle kommen."

Das sind alltägliche Szenen im Kampf um freie Fahrt und Parkraum rund um den Hackeschen Markt. Jetzt suchen Bezirkspolitiker nach Friedenslösungen und denken über eine Verkehrsberuhigung nach. Schon beim schwarz-grünen Schulterschluss zur Wahl des CDU-Bürgermeisters Joachim Zeller im neuen Großbezirk Mitte waren sich die Parteien einig, die Verkehrsprobleme im Szenekiez in den Griff bekommen zu wollen. Denn bisher profitieren vor allem Abschleppunternehmen vom regelwidrigen Gedränge - und die Landeskasse. Allein die Verkehrsbetriebe riefen in den vergangenen drei Monaten 40 Mal den Abschleppwagen, weil Falschparker auf der Rosenthaler Straße die Straßenbahn blockierten. "Rechtswidriges Parken ist die Regel", sagt Astrid Rumler, stellvertretende Leiterin des Polizeiabschnitt 31 - jede Menge Arbeit für Knöllchenschreiber.

Die lukrative Einnahmequelle könnte bald versiegen. "Wir überlegen, die Straßen um den Hackeschen Markt für den Durchgangsverkehr zu sperren", erklärt Dirk Lamprecht (CDU). Der Baustadtrat von Mitte erwägt, den Lieferverkehr auf die Vormittagsstunden zu beschränken, Ladezonen einzurichten und für Anwohner und ansässige Gewerbetreibende Parkvignetten vorzuschreiben.

Ganz neu sind solche Überlegungen nicht. Bereits 1996 regte der Verkehrsplaner Ludwig Krause in einem Konzept für die Spandauer Vorstadt an, das "Herz" der Berliner Altstadt zwischen Monbijoupark und Hackeschem Markt zur Fußgängerzone zu machen und den motorisierten Durchgangsverkehr großräumig umzuleiten.

Bislang allerdings will sich Baustadtrat Lamprecht nicht festlegen, welche Straßenzüge künftig Anwohnern und Lieferverkehr vorbehalten bleiben sollen. Denkbar sei, den Platz am Hackeschen Markt, die Rosenthaler Straße bis zur Weinmeisterstraße sowie die Oranienburger Straße bis zum Monbijoupark für den Durchgangsverkehr zu sperren. Doch gelte es, erklärt Lamprecht, "mit Augenmaß" zu planen und die Interessen von Anwohnern und Gewerbetreibenden zu berücksichtigen. Und schließlich habe, was die Straßen mit Schienenwegen angehe, auch der Senat ein Wort mitzureden.

Vorschnell entscheiden will sich offenbar niemand. Der Beschlussantrag der Grünen, in dem vorgeschlagen wurde, den "Bereich zwischen Sophienstraße, Dircksenstraße und Große Hamburger Straße für den motorisierten Individualverkehr zu sprerren", kam am Donnerstag nicht zur Abstimmung in der BVV. Der Ältestenrat überwies die Sache an die zuständigen Ausschüsse.

"Die Situation hier ist katastrophal", sagt Jan Dittelbach, Verkäufer in einem Modegeschäft im Engpass der Oranienburger Straße. "Hier finden Sie eigentlich nie einen Parkplatz, und Lieferanten können oft nur mitten auf der Straße halten." Dennoch sehen manche Geschäftstreibende rund um den Hackeschen Markt die Pläne zur Verkehrsberuhigung skeptisch. Peter Birkenmeier, Inhaber des Spielwarenladens "Steckenpferd", fürchtet, dass das neue Zentrum veröden könnte: "Die Erfahrung in anderen Großstädten zeigt, dass nach Geschäftsschluss einfach nichts mehr los ist." Sperrungen am "Knotenpunkt" Hackescher Markt hätten zudem zur Folge, dass der Durchgangsverkehr auf umliegende Straßen ausweichen müsse und die Anwohner dort zusätzlich belaste. "Eine Fußgängerzone ist da nur eine zusätzliche Behinderung."

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