Berlin : Hähnewettkrähen: Einfach zum Schreien: Ein Plauderstündchen unter Gockeln

Ole Töns

Das Szenario scheint schockierend: in langer Reihe stehen enge Drahtverhaue. Auf Schemeln, bewaffnet mit Kugelschreiber und Notizblock, hocken Bewacher. Immer wenn ein Insasse einen markerschütternden Schrei oder auch nur ein klägliches Krächzen von sich gibt, wird ein Strich gemacht. Es nieselt, ist lausekalt - doch das scheint heute keinen zu stören, beim diesjährigen 14. Hähnewettkrähen im Garten des Rudower Grundbesitzervereins.

Seit einer dreiviertel Stunde wird gezählt: "Meiner hat 40, aber der da vorne schon 70 - ick fass et nich!" Noch eine viertel Stunde bis zum letzten Schrei. Die Helden heißen Zwerg-Brahma, Orpington oder Arcaner, sind von weißem, rotbraunem oder tiefschwarz-schillerndem Federkleid und werden von ihren Besitzern auf Schönheit oder Temperament gezüchtet. "Das sind Rassebezeichnungen", erklärt Hartmut Witt von einem der sieben Kleintierzüchtervereine, die hier aus Berlin und Brandenburg vertreten sind. 420 anerkannte Rassen gibt es inzwischen, erklärt der Rentner.

Insgesamt verzeichnet die Teilnehmerliste 61 stolze Gockel - jeder ein Selbstdarsteller sondergleichen. Paschas ohne Harem, so wirken sie alle, wie sie da steifbeinig geziert von einem Spreizfuß auf den anderen staksen, ab und an blasiert den Kehlsack blähen und den Schnabel aufreißen.

Wie eigentlich immer in Berlin sorgen die Tiere ganz nebenbei für vertraulichen Kontakt unter den Menschen. Auch die Amtstierärztin des Bezirks, Sabine Heidrich-Joswig, ist zum Plauderstündchen unter Gockeln erschienen. Beruflich, denn bei jedem Federvieh von Zucht muss vor dem Wettkampf die vorgeschriebene Schluckimpfung gegen Hühnerpest nachgewiesen sein. Doch auch für sie ist der Hang zum Tier durchaus Passion. Früher, als sie noch auf dem Land lebte, waren es Pferde. In Berlin wurde daraus notgedrungen die Liebe zum Kleintier. Doch über das Grundsätzliche ist man sich hier weitgehend einig: Der Mensch liebt das Tier, weil er nun mal nicht gern allein ist.

"Der faule Gockel kommt in den Kochtopf wenn er wieder zu Hause ist", droht Witt aber ganz unsentimental und fuchtelt mit einem Spatenstiel in Richtung eines schüchternen Zwerg Brahma. Ein zaghafter Schönling mit makellosem Federkleid, nur hat er bisher kaum 40 Mal gekräht. Doch auch Witt hat seine zarte Seite: "Ich hab mal einen mit der Hand aufgezogen, den die Glucke nicht angenommen hat. Irgendwann war ich die Glucke. Was die zuerst sehen, nachdem sie ausgebrütet wurden, dem rennen die hinterher. Da könnte sogar ein Fuchs kommen".

Gewonnen hat am Ende ein silbergrauer Wandotte, Startnummer 21. Mit über 100 Hahnenschreien in der Stunde.

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