Berlin : „Händewaschen!“

Seit Jahrzehnten reduziert sich das Wissen der Deutschen über Hygiene – und das in Zeiten von Vogelgrippe, Aids und Sars. Ein Gespräch über eine neue Reinlichkeitsinitiative, die Bedeutung sauberer Finger für die Welt und warum man in den Ärmel niest

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Herr Exner, Sie haben gerade eine Initiative mit dem Titel „Hygiene Council“ mitbegründet. Acht Professoren aus aller Welt gehören ihm an, die derzeit umherreisen und die Grundregeln der Hygiene herbeten, vor allem die Wichtigkeit des Händewaschens. Man sollte doch meinen, dass schmutzige Finger nicht zu den Problemen der Menschheit gehören. Wieso das Ganze?

Das Händewaschen, so banal das Ritual ist, zählt neben der Impfung zu den effizientesten Maßnahmen zur Vermeidung von Infektionen. Es wäscht nämlich eben nicht jeder seine Hände, nachdem er auf der Toilette war, oder weiß, wie man richtig hustet und niest. Viele, viele Menschen tun das nicht, und das ist gefährlich in Zeiten, in denen Infektionen durch die Globalisierung blitzschnell um den ganzen Erdball reisen können. Im Zusammenhang mit der Gefahr einer weltweiten Grippewelle wird die Bedeutung des Händewaschens nun sogar von der Weltgesundheitsorganisation wieder betont. Wussten Sie, dass man nicht direkt in die Hände niest, sondern möglichst in ein Taschentuch oder in den Ärmel?

Darüber hab ich nie nachgedacht.

Eben. Die Menschen wissen immer weniger über die Effizienz einfacher Hygienemaßnahmen, das haben Umfragen ergeben, und wir sehen das auch bei der Ausbildung unserer Medizinstudenten. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg war das Wissen vermutlich auf dem Höhepunkt, aber es reduziert sich seit Jahrzehnten. Dabei gehen die großen neuen Risiken für die Menschheit oft von Mikroorganismen aus, also von Viren und Bakterien.

Welche Bedrohungen meinen Sie?

Das wachsende Risiko einer Grippepandemie, wie gesagt, aber auch Sars oder die Tuberkulose, die sich in Osteuropa wieder stark ausbreitet. Nun wird die persönliche Hygiene allein die Welt nicht retten, aber wir werden in Zukunft eine Art Multibarriere brauchen gegen diese Bedrohung, und dazu gehört, diese Regeln zu kennen. Wenn Sie allein die Entwicklung der demographischen Lage anschauen …

Was hat die Tatsache, dass wir immer älter werden, mit Hygieneregeln zu tun?

Die Menschen werden immer älter und damit anfälliger für die Auswirkungen von Infektionen durch Bakterien und Viren. Meine Kollegen vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Uni Bonn haben ein Jahr lang die Bedeutung von Infektionen in einem gut geführten Altersheim untersucht. Von 105 Bewohnern starben in dieser Zeit 24. Immerhin fast 25 Prozent. Und die häufigste Ursache waren nicht bösartige Erkrankungen oder Herz-Kreislaufprobleme, sondern Infektionen wie die Lungenentzündung. Dazu kommt, dass in Zukunft immer mehr Menschen zu Hause gepflegt werden, und dass immer mehr Patienten schon jetzt gleich am Tag nach einer Operation nach Hause entlassen werden. Da entstehen für den Einzelnen ganz neue Probleme.

Wie halten es die Deutschen eigentlich grundsätzlich mit der Sauberkeit?

Das Hygiene Council hat im letzten Jahr weltweit 8000 Menschen befragt. Ich habe die deutschen Ergebnisse zum Hygieneverhalten vor einem internationalen Publikum neulich vorstellen müssen, und das ist mir nicht ganz leicht gefallen.

Wieso? Mussten Sie sich schämen für die Deutschen?

13 Prozent waschen sich nicht die Hände, nachdem sie auf der Toilette waren, 26 Prozent tun es nicht, bevor sie mit Lebensmitteln umgehen, obwohl 59 Prozent der insgesamt 1002 Befragten angaben, dass Hygiene für sie eine große Bedeutung hat. Da klaffen Wissen und Tun weit auseinander, noch so ein Problem.

Sind die anderen Nationen da besser?

Die Engländer, Amerikaner und vor allem die Italiener sind um bis zu 30 Prozent besser, was das allgemeine Hygienebewusstsein angeht.

Und woher kommt das neue Unwissen? Ist das ein Bildungsproblem?

Zum Teil. Aber interessanterweise vielleicht auch ein Intellektuellenproblem. In den vergangenen Jahren war in der Presse viel von der so genannten „Hygienehypothese“ die Rede. Die besagt, dass der Grund für die drastische Zunahme der Allergien in westlichen Industrieländern darin liegt, dass die Menschen in einer „zu sterilen“ Umgebung aufwachsen. Damit sei das Immunsystem unterfordert und reagiere dann auf Außenreize ungewöhnlich heftig – also allergisch.

Und das stimmt nicht?

Die Reaktion darauf stimmt nicht. Richtig ist, dass das frühkindliche Immunsystem zur ausgeglichenen Entwicklung die Auseinandersetzung mit Mikroorganismen braucht, aber es müssen keine Krankheitserreger sein, die zu gefährlichen Infektionen führen können. Da reichen wahrscheinlich harmlose Mikroorganismen wie zum Beispiel Laktobazillen, die in Milchprodukten wie Joghurt vorkommen. Und trotzdem lassen immer noch längst nicht alle Eltern ihre Kinder gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten impfen. Die jüngste Masernepidemie in NRW war zum Beispiel darauf zurückzuführen. Andere Mütter geben ihren Kindern unpasteurisierte Milch, wonach sie an enterohämorrhagischen E.coli erkranken, einer neuen für Kinder gefährlichen Bakterienart. Diese Mütter denken: Alles was natürlich ist, ist gut. Es ist eine ganz neue Müttergeneration.

Was meinen Sie mit „neue Müttergeneration“? Schlechte Mütter?

Nein. Anders geprägte Mütter. Das Ozonloch, die Kernkraft, das nehmen sie als Gefahren für ihre Kinder wahr, aber Bakterien? Noch ihre Großmütter wussten, dass sie ihre Kinder durch Pocken, Diphtherie und andere nicht behandelbare Infektionen würden bringen müssen. Dass sie sie vielleicht sogar daran verlieren würden. Die hohe Kindersterblichkeit war noch Anfang des 20. Jahrhunderts durch Infektionen bedingt. Fehler wider die Hygiene wurden mit dem Tod bestraft, so hat es der große Hygieniker Max von Pettenkofer mal formuliert.

Und wann begann das, dass sich das Hygienebewusstsein ins Gegenteil verkehrte?

Das war in den 70er und 80er Jahren. Antibiotika wurden breit verfügbar. Aber auch das ist für uns jetzt zu Ende. In Deutschland und Österreich gab es im europäischen Vergleich in den letzten Jahren den raschesten Anstieg bestimmter antibiotikaresistenter Mikroorganismen, wie MRSA zum Beispiel.

Was ist MRSA?

MRSA steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, es ist also, wie der Name sagt, ein Bakterium, gegen das die üblichen Antibiotika unwirksam sind. Staphylococcus aureus kommt bei vielen Menschen auf der Haut und insbesondere im Nasenvorhof vor und bereitet gesunden Menschen keine Probleme. Wenn er aber bei Verletzungen unter die Haut gerät, kann er Wundinfektionen auslösen und eine Vielzahl anderer Infektionen wie Lungenentzündung.

Warum werden dann nicht einfach neue Antibiotika entwickelt?

Die Neuentwicklung von Antibiotika hat sich deutlich verlangsamt, weil es für die pharmazeutische Industrie einfach zu teuer und zu riskant geworden ist – so schnell, wie die Bakterienstämme resistent werden. Es hilft nichts, wir müssen verstärkt zurück zur Selbsthilfe.

Aber Händewaschen, das klingt nach einem allzu simplen Rezept.

1847 hat der Wiener Gynäkologe Ignatz Semmelweis die Händedesinfektion mit Chlorkalklösung bei Ärzten eingeführt und das Auftreten von Kindbettfieber dramatisch reduziert; es gibt bis heute keinen besseren Beweis für die Effizienz des Händewaschens. Man hat mit Testviren ausprobiert, wie weit Viren, die an den Händen haften, allein durch Händeschütteln weitergetragen werden. Man kann seine Viren an bis zu 13 Personen weiterschenken! Überzeugt Sie das?

Igitt. Ja. Vielen Dank für das Gespräch.

Fragen: Christine-Felice Röhrs

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