Härtetest nach der Berlin-Wahl : Wie viel Öffentlichkeit vertragen die Piraten?

Transparenz ist oberstes Gebot der Piratenpartei, aber da fangen die Probleme an: Darf nichts hinter verschlossenen Türen bleiben, kein Streit, kein Schachern um Posten?

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Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen Chef bereits vorgewarnt – und Aufträge nur bis zum 18. September angenommen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
11.12.2011 17:52Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen...

Man kann viele Parallelen finden zwischen den Bildern, die die Piraten in dieser Woche produzieren, und denen, die so sattsam bekannt sind aus den Anfängen der Grünen. Da ist das Bild von der bunten Chaostruppe, die ins Parlament einzieht, nur dass die diesmal keine Aufblas-Weltkugeln und Krüppeltannen mit sich führt, sondern MacBooks und Piratenkopftücher. Da ist das Bild von der heillos zerstrittenen Bande, die sich öffentlich die Köpfe heiß redet. Und da ist auch dieses Bild des einen, der anders ist als die anderen um ihn her.

Es gibt dieses Bild von Joschka Fischer, noch aus der Zeit vor den Grünen, aus der Frankfurter Hausbesetzerszene: das Bild desjenigen, der als Einziger eines Auditoriums von Spontis nicht auf ein heute vergessenes Podium blickt, sondern mit verschränkten Armen seitlich in die Kamera, wie Narziss in das spiegelnde Wasser. Und es gibt ein ähnliches Bild seit Montag auch von Christopher Lauer: Als Mitglieder der Fraktion am Montag zum ersten Mal vor dem Abgeordnetenhaus für die Kameras posieren, stehen sie lässig beieinander, in Kapuzenpullovern und Shirts, einer von ihnen im Blaumann und mit Kopftuch. Doch Lauer, in der ersten Reihe, in Hemd und Jackett, steht steif, das Kinn nach oben, die Arme fest verschränkt. „Nehmen Sie doch mal die Hände auseinander“, ruft ein Fotograf. „Ich verschränke jetzt die Arme“, sagt Lauer, und wiederholt es: „Ich verschränke jetzt die Arme.“

Er ist jener Pirat, dem seine Partei die Eitelkeit nicht nachsehen will, dessen Charisma und Intellektualität sie aber braucht, weshalb sie ihn – vermeintlich aussichtslos – auf Platz zehn der Landesliste parkte. Lauer kann so kontrolliert nonkonformistisch sein und so rampensäuisch, dass man die weitere Geschichte schon vor sich zu sehen glaubt: diese Geschichte von Etablierung und Professionalisierung, von der Zuspitzung des Kollektivs auf einzelne Leitwölfe wie Lauer, der wie kein anderer bereits jetzt staatstragend von Verantwortung reden kann – von den Wählern, denen man nun verpflichtet sei. Und natürlich allen anderen.

Die 15 Berliner Piraten
15 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht einmal vollzählig versammelt. Auf dieser Aufnahme fehlen Gerwald Claus-Brunner und Pavel Mayer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dapd
20.09.2011 12:0015 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht...

Man kann indes nur vermuten, dass die Wähler der Piraten – anders als der Pirat Lauer – durchaus Verständnis dafür haben werden, dass ihr Votum zunächst keine staatstragende Fraktion hervorgebracht hat. Was am Montagabend nach der großen Pressekonferenz passiert, scheint auf den ersten Blick zum normalen Wachsen und Werden einer jungen Partei dazuzugehören: Die Geschäftsstelle an der Pflugstraße in Mitte ist voll, 30 Piraten sind gekommen, und sie wissen noch nicht damit umzugehen, dass plötzlich ein Heer von Journalisten durch die Tür stürmt. Also diskutieren die Piraten, als wären sie unter sich, und liefern den Journalisten, worüber die immer gerne schreiben: Streit. Es geht um Transparenz, den einen Begriff, der über allem steht, was die Piraten tun, und plötzlich zeigt sich, dass die Piraten sich überhaupt nicht einig sind, was genau Transparenz eigentlich ist und wie weit sie gehen soll.

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