Berlin : Hässlich wie die Nacht - und fort damit

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Von Christian Domnitz

„Störte mich schon als Kind!“, „Hässlich wie die Nacht!“, „Plastikarchitektur!“ Die Argumente, warum das Europacenter, der Palast der Republik oder einfach nur ein misslungenes Reihenhaus am besten beseitigt werden sollten, leuchten in blauer Farbe auf die Auguststraße hinaus. Wer allein Ehrfurcht und Bewunderung für Kanzleramt, ICC und Sony-Center empfindet, ist hier nicht am richtigen Platz. Denn auch diese sind im Sinne des Konzepts Abrisskandidaten. Die Ausstellung der Berliner Architektenvereinigung „37,6 Grad“ stellt Ergebnisse einer großen Sammelaktion vor.

Denn in den vergangenen anderthalb Jahren verteilten die jungen Architekten und Stadtplaner Markus Schröger, Peter Madundo, Darius Wientzek, Eva Türks und Maik Seidel ein Formular an die Berliner: Sie sollten notieren, welches Gebäude ihnen noch nie gefallen hat, obwohl sie es möglicherweise täglich ansehen müssen. Und seine Sprengung beantragen. Insgesamt 400 ausgefüllte Bögen kamen zurück.

Die Antragsteller hatten auf dem Formular, das einem Bauantrag des Bezirksamt Mitte nachempfunden ist, fein säuberlich Lage, Baujahr und Architekt des zu sprengenden Gebäudes notiert und in der Anlage Begründung und Fotos mitgeliefert.

Die Top Drei der unbeliebten Gebäude sind der Komplex am Potsdamer Platz, das Bundeskanzleramt und der Palast der Republik. Es folgt das „Neue Kreuzberger Zentrum“ am Kottbusser Tor und – da ist die Ausstellung ihrer Zeit voraus - der gerade erst beschlossene, noch nicht einmal angefangene Neubau des Stadtschlosses. Ein Gebäude, das bisher nur auf dem Papier existiert, soll bereits geopfert werden, eine Kritik lautet „konzeptionslos zwischen Pharaonengrab und Bananenrepublik".

Beim „Sprengantrag“ soll es aber nicht um einen zelebrierten Zerstörungswahn gehen, sagt Markus Schröger, „wir wollen nichts sprengen". Im Gegenteil: Die Teilnehmer der Aktion – und auch die Ausstellungsbesucher – sollen zum Nachdenken angeregt werden. Zum Nachdenken über Stadtarchitektur - neue Bauten sollen nicht einfach hingenommen, sondern als ein Stein des Anstoßes verstanden werden.

Das künstlerische Spiel mit dem Mittel der Sprengung, der drastischsten Methode der Stadtgestaltung, ist nur Provokation. Dahinter steht der Protest gegen eine Abrisskultur in Berlin, eine „Tradition der Traditionslosigkeit“, wie es die jungen Architekten – die übrigens alle Wahlberliner sind – nennen. Das Konzept habe damit eine nicht nur architektonische, sondern auch politische Bedeutung gewonnen, sagt Schröger.

Kontrovers sei das Subversive der Spreng-Idee: In einer Demokratie sei es ja üblich, sich für etwas auszusprechen, aber nicht gegen etwas, sagt Maik Seidel. Die Idee, einen Sprengantrag zu stellen, laufe dem zuwider. Ein bekannter Berliner Architekt– die Ausstellungsmacher wollen seinen n nicht nennen – hat einmal einen empörten Brief geschrieben und sie eines faschistoiden Verständnisses von Stadtgestaltung verdächtigt. Sie haben ihn die Ausstellung eingeladen.

Die Jung-Architekten hoffen, dass sich neben dem Laufpublikum der Auguststraße auch die Besucher des Weltkongresses der Architekten, der am Dienstag beginnt, in der Ausstellung einfinden. Ab heute werden unter anderem eine Videoprojektion mit animierten Gebäuden und auf zwei Fernsehbildern gegenübergestellte Stadtlandschaften - einmal mit, einmal ohne einen umstrittenen Bau - zu sehen sein.

Und als Ausstellungskatalog dienen Kopien desjenigen dicken Ordners, mit dem die jungen Architekten anderthalb Jahre lang durch die Stadt gingen – er enthält alle gestellten Anträge.

Ausstellung „Sprengantrag“, Galerie Völcker und Freunde, Auguststr. 62, geöffnet bis 28. Juli, 14 bis 20 Uhr.

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