Berlin : „Hätte es doch nur mich getroffen“

Sein Bruder wollte ihn bei einem Überfall schützen und liegt jetzt im Koma – und Thomas L. sitzt im Rollstuhl und kann nichts für ihn tun

Volker Eckert

Stefan L. ist nur ein Jahr älter als sein Bruder Thomas. Aber nicht nur deshalb und wegen seiner massiven Statur war er immer der große Bruder. Stefan hat schon häufiger den Kopf hingehalten, wenn Thomas etwas ausgefressen hatte, und für ihn auch mal Prügel eingesteckt. Seit Thomas im Rollstuhl sitzt, ist Stefan noch zuverlässiger für ihn da. Am vergangenen Freitag stellte er sich wieder schützend vor seinen Bruder, als sie von drei Jugendlichen grundlos angegriffen wurden. Einer der Täter stach dreimal zu. Seitdem liegt Stefan L., 43, im künstlichen Koma.

Die beiden hatten am späten Abend den U-Bahnhof Lipschitzallee in der Gropiusstadt verlassen, als sie von drei Jugendlichen angepöbelt wurden. Zuerst schlug und trat einer auf Thomas ein, dann zog ein anderer das Messer und rammte es Stefan in den Körper. Der liegt seitdem auf der Intensivstation, sein Bruder sitzt in seiner Wohnung in einer der Betonburgen, ein paar hundert Meter vom Tatort entfernt, und sagt: „Hätte es mich doch getroffen. Ich bin doch sowieso nur noch ein halber Mensch.“

Seit 1996 sitzt Thomas L. im Rollstuhl, da war er Mitte 30. Er war beim Fußball mit einem Mitspieler zusammengestoßen, drei Halswirbel brachen. Hinterher lag er wochenlang im Koma. Er kann die Hände nicht bewegen, ist ständig auf Hilfe angewiesen. Seine Mutter kommt jeden Tag, auch Verwandte und Freunde helfen.

Thomas L. zeigt seine Arme. Die Unterarme bestehen nur noch aus Haut und Knochen: „Wenn ich wenigstens meine Hände gebrauchen könnte!“ Früher sei er sehr aktiv gewesen, habe Sport getrieben, gebastelt. Heute raucht er viel, die Zigarette kann er gerade noch halten. Gearbeitet hat er als Tabakfacharbeiter im Reemtsma-Werk in Wilmersdorf. Im Wohnzimmer steht in einer großen Vitrine hinter Glas eine bunte Sammlung von Zigarettenschachteln.

Mit seiner Behinderung kommt er nicht klar, das sagt Thomas selbst. Vor einem halben Jahr starb auch noch seine Freundin plötzlich an einem Herzschlag. Depressionen kamen, im Dezember versuchte er, sich umzubringen. Das Verhältnis zu seinem Bruder ist in der Zeit noch enger geworden. Stefan wohnt in der Nähe, kümmert sich, übernachtet manchmal eine ganze Woche bei ihm.

Richtig wütend wird Thomas L., wenn er von den Ämtern redet, bei denen er jedes Sitzkissen beantragen muss, jeden Umbau in der Wohnung. Über zwei Jahre hat es gedauert, bis er seine Pflegestufe durchgesetzt hatte, am Ende ging es übers Gericht: „Man wird behandelt wie ein Idiot!“, schimpft er. Dass der Angriff mit seiner Behinderung zu tun hat, glaubt Thomas L. allerdings nicht. Die Täter seien der Polizei ja bekannt gewesen, die würden sowas öfter machen. Zwei der drei sitzen in Untersuchungshaft. Der, der zustach, ist erst 15.

Vor ein paar Tagen hat sich Thomas L. auch noch einen Infekt eingefangen, weshalb ihn die Ärzte jetzt nicht mehr zu seinem Bruder lassen. Dabei würde er so gern mit ihm sprechen, vielleicht bekäme er ja doch etwas mit. Stefan L. ist inzwischen außer Lebensgefahr. Aber auch als die Ärzte anfangs sagten, es sehe sehr schlecht für ihn aus, hat Thomas immer geglaubt, dass er durchkommt. Schließlich hat er selbst es ja damals auch geschafft, wieder aufzuwachen. „Außerdem hat er noch so viele Sachen hier stehen. Die muss er noch abholen.“

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