Haftkrankenhaus : Von der Stasi behandelt

Beim Tag des offenen Denkmals wird erstmals das ehemalige Haftkrankenhaus der Stasi für die Öffentlichkeit zugänglich sein. In dem einstöckigen Bau in Berlin-Hohenschönhausen wurden schätzungsweise 2000 Insassen behandelt - zuletzt Erich Mielke.

Philipp Hauner

BerlinPutz blättert in groben Stücken von der Decke, die blechernen Badewannen schillern in einem unheimlichen Silber und durch blinde, vergitterte Fenster dringt nur schummriges Licht in die tristen Krankenzimmer.

Das ehemalige Haftkrankenhaus des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ist ein bedrückender Ort. Am morgigen Tag des offenen Denkmals wird der längliche, einstöckige Bau auf dem Gelände der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ab kommender Woche werden jeweils mittwochs um 13 Uhr geführte Rundgänge angeboten.

„Das Haftkrankenhaus ist ein weiteres und wichtiges Zeugnis für den Unrechtsstaat DDR“, sagt Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte. „Hier waren die Gefangenen einer doppelten Ohnmacht ausgesetzt: zum einen der Krankheit und zum anderen dem Gefangensein.“ Hinter der medizinischen Behandlung stand nur allzu oft das schlichte Ansinnen der Stasi, die Häftlinge wieder vernehmungsfähig zu machen.

Schätzungsweise 2000 Insassen wurden in der Zeit seines Bestehens von 1960 bis 1990 in dem Haftkrankenhaus von Stasi-Mitarbeitern behandelt. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass einer der letzten Gefangenen Erich Mielke hieß, der ehemalige Stasi-Chef. Wie viele Menschen in dem Krankenhaus insgesamt verstarben, weiß man nicht.

Um mehr Gewissheit über die Geschichte des inzwischen denkmalgeschützten Gebäudes zu erlangen, wolle man intensiver forschen, sagt Knabe. Auch für weitere Sanierungsarbeiten an dem Stasi-Krankenhaus werden Gelder ausgegeben. Fast eine halbe Million Euro stehen in diesem und im nächsten Jahr vom Land Berlin noch für das Projekt zur Verfügung.

Der Rundweg durch das Haus ist aber bereits vollständig. Er führt vorbei an Röntgenkabinen, die mit Spionen ausgestattet waren, einem Operationssaal und dem direkt gegenüberliegenden Überwachungsraum. Auch die sogenannten „Tigerkäfige“ sind zu sehen, drei mal drei Meter große Innenhöfe, umgeben von vier Meter hohen Mauern und überspannt von einem Maschendrahtnetz. Hier sollten die schwer angeschlagenen Patienten Frischluft atmen. Unter ihnen waren oft auch angeschossene Flüchtlinge. Ein ehemaliger Häftling formulierte es gestern so: „Wir wussten alle, dass hier die Leute bearbeitet werden, die zuvor an der Grenze mit Blei gefüllt worden waren.“

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