Berlin : Hagel in Berlin: Die Gutachter sind immer noch rund um die Uhr beschäftigt

Hans Toeppen

Autodächer, Motorhauben, Kofferräume: Tausende Karossen in Berlin sind beschädigt. Der Hagel vom vergangenen Sonnabend hat die größten Blechschäden in Berlin angerichtet, die je in der Stadt registriert wurden. Das wahre Ausmaß kommt erst jetzt mit Verzögerung zum Vorschein. Die Gutachter machen Sonderschichten für die Versicherungsgesellschaften. Bei der Dekra wurden Kräfte aus Neubrandenburg und Schwerin nach Berlin geholt, um hier Autos in Augenschein zu nehmen. "Wir sind rund um die Uhr beschäftigt", sagte gestern Dekra-Fachmann Christian Paschke am Kurt-Schumacher-Damm.

Der Norden der Stadt gehörte zu den Gebieten, in denen das Unwetter besonders heftig getobt hatte. In Spandau fielen reihenweise Bäume um, und bis zu taubeneigroße Hagelkörner prasselten in die Landschaft. Das ist die Größe, denen das Auto-Blech nicht mehr widerstehen kann. Bei Kirschkerngröße passiere noch nichts, sagt Außenstellenleiter Udo Bernsmeier beim Huk-Coburg. Aber bei den Eis-Eiern gibt offenbar selbst das beste Auto nach. Allein Bernsmeiers Versicherung hat bisher 1500 Schadensmeldungen registriert. Der Huk rechnet aber am Ende, wenn alle Ansprüche geklärt sind, mit 2000.

Das gibt allerdings wohl noch lange nicht das wahre Ausmaß wieder. Bei der Dekra-Niederlassung an der Ferdinand-Schultze-Straße in Hohenschönhausen nehmen die Gutachter allein für eine einzige Versicherung inzwischen 1000 Autos unter die Lupe. Das ist kein Wunder. Denn Hohenschönhausen lag unter besonderem Beschuss. Nach den Huk-Feststellungen hat der schwere Hagelschlag sich auf drei Bereiche konzentriert: Erstens Marzahn, Hohenschönhausen, Hönow, zweitens Spandau, Tegel und drittens Wannsee. Das schließt Blechschäden an anderen Stellen nicht aus. Das Geprassel war ganz unterschiedlich in Berlin. Einem Autohändler in Steglitz wurden gleich 55 Wagen auf einmal zerdellt.

Hagelschäden werden wie Sturmfolgen von den Kasko-Versicherungen gedeckt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Beulen, Kratzer oder Lackschäden wirklich auf Hagelkörner zurückgehen. Deshalb haben die Gutachter so viel zu tun. Betrugsversuche sind in Berlin bisher nicht bekannt geworden, "aber es ist ja logisch, dass es da Trittbrettfahrer gibt", sagte gestern Niederlassungsleiter Reinhard Mingau bei Dekra an der Ullsteinstraße.

In Bonn hat vor Jahren einmal ein Autobesitzer mit dem Hammer nachgeholfen, um auf Kosten seiner Versicherung an eine neue Lackierung zu kommen. Und vor kurzem sei das Gleiche in Stuttgart geschehen, heißt es bei Versicherern. Die Dekra-Zentrale in Stuttgart sah sich gestern allerdings außer Stande, dem Fall nachzugehen. Zu viel zu tun: Hagelschäden! Schließlich kam das Eis nicht nur in Berlin vom Himmel. Andere Gegenden Deutschlands haben regelmäßig mit diesem Phänomen zu tun, das vor allem ein Fluch für Landwirte ist.

Schäden an Autos sind da seltener. Und sie sind - anders als man denken könnte - offenbar leicht zu identifizieren. Alle Fachleute sind sich sicher, dass Betrüger auf diesem Gebiet keine Chance hätten. Man erkennt die speziellen Spuren der himmlischen Schläge im Blech. Hammer und Hagel arbeiten unterschiedlich. Da ist es gar nicht nötig, dass ein Bösewicht - wie eine Versicherungsplauderei besagt - einmal die Gravur seines Hammers im Blech hinterlassen hat.

Mit 3000 Mark pro Fall rechnet Bernsmeiter bei Huk-Coburg. Zu den relativ niedrigen Rechnungen trägt die Tatsache bei, dass es seit einigen Jahren eine "sanfte" Reparaturmethode gibt. Der Dachhimmel wird gelöst und die Delle von unten herausgedrückt - eine Sache für Spezialisten, wie es bei Versicherern und Gutachtern unisono heißt. Christian Paschke bei Dekra findet das sogar die "wertvollere Methode", weil der Lack dabei unbeschädigt bleibt. Bei Mercedes in Baden, einer besonders von Hagel geplagten Region, hätten sie vor kurzem eine ganze Reihe Autos derart saniert, "und die waren zufrieden".

Aber bei 20 bis 30 Dellen lohnt sich der sanfte Aufwand nicht mehr. Dann muss wirklich repariert werden. Dekra-Mann Mingan kennt ein Auto mit 60 bis 70 Stellen, die ihm am Wochenende ins Blech geprägt worden sind. "Das braucht ein neues Dach". 9000 Mark soll die Sache kosten.

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