Berlin : Halali in Halensee

Borstenvieh im Berufsverkehr: Warum Wildtiere in die Stadt wandern – und wieso man sie nicht los wird

Cord Riechelmann

Die beiden Wildschweine brachten es zu überregionaler Bekanntheit. Sie tauchten im Mai vergangenen Jahres am Alexanderplatz auf, stauten den Verkehr, drangen in das Grundstück einer Kita ein, verwirrten die Kinder und später auch die Polizei. Begegnungen wie diese sind zahlreich geworden in deutschen Städten, auch in Berlin. Wildschweine sind ein Verkehrsrisiko, nicht nur wegen ihrer Größe. Was ist zu tun? Sie in besiedelten Gebieten abzuschießen, kann nicht nur für die Tiere tödlich sein. Am Wochenende suchten der Ökologische Jagdverband ÖJV und der Naturschutzbund Deutschland auf einer Tagung in Berlin nach Lösungen.

Wie sehr die Zahl der Wildschweine in den vergangenen Jahren gewachsen ist, zeigen die registrierten Abschüsse der Jäger. Wurden im Jahr 1910 gerade mal 14 500 Tiere erlegt, so waren es 1983 schon 170 000 und im Jahr 2001sogar 532 000. Die Ursachen der Zunahme liegen auf der Hand. Durch die Ausweitung der Landwirtschaft stieg auf den Feldern das Nahrungsangebot. Hinzu kommen die milder werdenden Winter. Dadurch können Wildschweine inzwischen das ganze Jahr über Ferkel „frischen“, wie man die Geburt bei ihnen nennt. Dies verringert die natürlichen Verluste, die ursprünglichen Lebensräume werden knapp, und die Tiere werden gezwungen, sich neue Plätze zu suchen. Auch in den Städten. Dort finden die Allesfresser ein reichhaltiges Nahrungsangebot.

Auch die Jäger selbst vermehren den Bestand der Schweine. Sie bringen das natürliche Gleichgewicht der Bachen, wie die weiblichen Tiere genannt werden, durcheinander, indem sie mit Vorliebe die größten und am leichtesten zu treffenden Schweine erschießen anstatt der kleinen Frischlinge oder der jüngeren Weibchen, die noch nicht trächtig waren.

Der große Wildschweinforscher Heinz Meynhardt, der jahrelang das Leben von Wildschweinfamilien studierte, fand heraus, dass Wildschweine ursprünglich in langlebigen, matriarchalischen Familienverbänden leben. In diesen Rotten gibt es immer eine Leitbache, die die Geburten innerhalb der Großfamilie reguliert. Dadurch wird normalerweise verhindert, dass die jüngsten Weibchen selbst schon Frischlinge zur Welt bringen. Wenn nun aber immer die stärksten Tiere der Rotte bejagt werden, wird das Altersgefüge durcheinander gebracht. Die jüngeren Bachen werfen früher, weil das natürliche Verhütungssystem außer Kraft gesetzt wird. Dadurch kommen immense Zuwachsraten zustande, die derzeit zwischen 60 und 200 Prozent des jeweiligen Frühjahrsbestandes liegen.

Damit sind zwar die Ursachen des Problems benannt. Eine Lösung blieb allerdings auch die Tagung am Wochenende schuldig. Weder Landwirtschaft noch Jagdgewohnheiten werden sich so schnell ändern, dass die Schweine in absehbarer Zeit den Weg aus der Stadt aufs Land zurückfinden. Solange können allerdings auch Nichtjäger etwas gegen das weitere Vordringen der Tiere tun: Nicht füttern!

Der Biologe und Journalist Cord Riechelmann ist Autor des Buches „Wilde Tiere in der Großstadt“ (Nicolai, 170 S., mit Tierstimmen-CD, 16,90 Euro). Es wird heute um 20 Uhr bei „Eggers Landwehr“, Rosa-Luxemburg-Straße 17, vorgestellt.

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