Berlin : Halbgötter in Grau

Auch Chefärzte machen manchmal Fehler. Doch stehen sie erst einmal an der Spitze der Klinikhierarchie, sind sie kaum zu kontrollieren

Ingo Bach

Wenn das abgegriffene Klischee eines Halbgottes in Weiß noch gilt, dann für einen Chefarzt im Krankenhaus. Er steht seiner Abteilung allein vor, ist seinen Mitarbeitern weisungsberechtigt – und kann sich selbst für die kompliziertesten Operationen einteilen. Offenbar werden Chefärzte dabei nicht immer ausreichend kontrolliert. Dabei sind auch sie Menschen, auch sie machen Fehler, mit unter Umständen schwer wiegenden Folgen für die Unversehrtheit und das Leben eines Patienten. Aktuelles Beispiel ist der Fall eines Abteilungsleiters einer Station im Bundeswehrkrankenhaus Berlin, der einem Chefarzt in einer zivilen Klinik vergleichbar ist.

Wie berichtet ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Arzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Der Mediziner soll mehrere Patienten fehlerhaft operiert haben, so dass schwere körperliche Schäden nur durch Nachbehandlungen vermieden werden konnten. Die Leiche eines kürzlich verstorbenen 60-jährigen Patienten des Arztes war zuvor obduziert worden.

In einem Beschwerdebrief an den Klinikchef berichtet ein Mitarbeiter, dass sich der Abteilungsleiter oft „in Verkennung seiner operativen Fähigkeiten selbst als Operateur“ eingesetzt habe. Seine ihm unterstellten Ärzte konnten ihn daran nicht hindern. Sind Patienten also einem unfähigen Chefarzt hilflos ausgeliefert? „Wer erst einmal Chefarzt geworden ist, der hat auch die entsprechende langjährigen Erfahrung und fachliche Qualifikation“, sagt die Sprecherin der Berliner Ärztekammer, Sybille Golkowski. Doch eine regelmäßige Prüfung, ob diese Fähigkeiten auch erhalten blieben und ob der Chefarzt auf der Höhe des medizinischen Fortschritts sei, gebe es nicht. Das sei auch nicht sinnvoll, sagt Golkowski. „Dann testet man an einem Tag X, ob der Arzt fit ist. Doch das schützt den Patienten nicht davor, dass der Mediziner am Tag Y trotzdem falsch liegt.“ Deshalb sei ein System zum Fehlermanagement im Krankenhaus sehr wichtig. Das bedeutet, dass alle Behandlungen penibel dokumentiert werden. So kann man sie anschließend nach Hinweisen auf Fehler überprüfen. Und schließlich müssten die verantwortlichen Ärzte jeden einzelnen Fehler diskutieren, um daraus zu lernen. Soweit die Theorie. „Doch leider steckt ein solches System in Deutschland noch in den Kinderschuhen.“ Einige Berliner Kliniken experimentierten zwar mit entsprechenden Modellen – wie zum Beispiel der landeseigene Klinikkonzern Vivantes, die Charité und andere –, aber das alles sei noch weit davon entfernt, für alle Krankenhäuser zur Pflicht zu werden.

Georg Mager, Chef der auch für zivile Patienten offen stehenden Bundeswehrklinik, sieht in seinem Hause eine „entwickelte Kultur der Fehlerdiskussion“. Er prüfe anhand der Krankenakten stichprobenartig die Qualität der Ärzte. Jede Akte eines in der Klinik verstorbenen Patienten werde ihm vorgelegt. „Da lässt sich nichts lange unter dem Teppich halten.“ Wie der aktuelle Fall beweise, hätten die Mitarbeiter keine Angst, Fehler eines Vorgesetzten zu melden. Das funktioniere im Militär-Umfeld besser als in einer zivilen Klinik, wo Chefärzte oft gottgleich die Abteilung beherrschten und jedes Weiterkommen von ihrer Gunst abhänge.

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