Halbinsel Stralau : Uferstreit an der Spree

Der Senat will den Uferweg auf Stralau vollenden – und einen störrischen Anwohner auf Schadensersatz verklagen, weil er die Arbeiten behindert habe.

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Steg statt Weg. Noch ist der Weg am Südufer von Stralau unterbrochen. Der Steg ist nur ein Provisorium. Wegen der Bauverzögerung fordert das Land Schadensersatz.Foto: Paul Zinken
Steg statt Weg. Noch ist der Weg am Südufer von Stralau unterbrochen. Der Steg ist nur ein Provisorium. Wegen der Bauverzögerung...

Ein stetiger Joggerverkehr bewegt sich über den mehr als drei Meter breiten Uferweg entlang der Spree. Am gegenüberliegenden Ufer scheint der Treptower Park beinahe wildromantisch. Von den XXL-Südbalkonen der landseitig aufgereihten Stadtvillen muss der Blick noch grandioser sein. Hier ist die Sonnenseite der Halbinsel Stralau und des Lebens überhaupt. Mit Ausnahme der finsteren Geschichte um das Grundstück Alt-Stralau 29. Hier tobt ein Uferstreit der besonderen Art.

Ein hoher Zaun unterbricht den Weg. Einige Stufen führen die Uferböschung hinab zu einem provisorischen Pfad direkt am Wasser, bevor es hinter dem Grundstück komfortabel weitergeht. Ein Ärgernis vor allem für Menschen mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl. In diesem Jahr will das Land Berlin den Weg vollenden sowie den Grundstückseigentümer verklagen: Knapp 30 000 Euro fordert die Stadtentwicklungsverwaltung von dem Anwohner Michael S., weil er die Arbeiten am Weg behindert habe, „rechtswidrig und vorsätzlich“.

Im August soll das Landgericht die Sache verhandeln, von der es naturgemäß zwei Versionen gibt. Die eine stammt von Christoph Partsch, dem Anwalt von Michael S., und geht ungefähr so: S. habe kurz nach der Wende ein Wassergrundstück gekauft, an dessen Ufer die Behörden dann nachträglich etwas „Schwemmland gefunden und herausgemessen“ haben – ein vorher nicht verzeichnetes Flurstück im Wasser plus zwei Handbreit Festland. Der Bund habe diese Errungenschaft an die Berliner Wasserstadt GmbH abgetreten, einen finanziell havarierten und deshalb in Liquidation befindlichen Entwicklungsträger der öffentlichen Hand. Als die Wasserstadt trotz unklarer Rechtslage den Uferweg über das Grundstück von Michael S. bauen wollte, habe der sich gewehrt und die Polizei gerufen. Jetzt versuche das Land, damals leichtfertig hinausgeworfenes Geld einzutreiben – und überhöhte Honorarforderungen von Wasserstadt-Geschäftspartnern gleich dazu. „So was habe ich selbst in Potsdam nicht erlebt“, sagt Partsch, der dem Land vorhält, „meinen Mandanten durch abstruse Schadensersatzforderungen zu ruinieren“. Er halte die Klage für lächerlich und chancenlos, denn „sämtliche Fristen sind abgelaufen“.

Eine Nachbarin auf Stralau weiß zu berichten, dass S. die Bauleute damals mit dem Gartenschlauch bespritzt habe, was in jener Jahreszeit – Spätherbst 2007 – wohl ziemlich nahe an der Grenze zwischen Rüpelei und Körperverletzung gewesen sei. Sein Anwalt will den Vorfall auf Anfrage ausdrücklich nicht bestätigen.

Die andere Version der Geschichte liefert Wolf Schulgen, der bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Abteilung Stadterneuerung leitet: Das Land habe alle Prozesse um den Uferweg gewonnen, bis hin zum Bundesgerichtshof. Es habe noch zwei, drei andere Problemkandidaten gegeben, die aber einsichtig gewesen seien.

Da S. als Letzter den ansonsten fertigen Uferweg verhindere, „haben wir den glücklichen Umstand genutzt, dass da Land angeschwemmt wurde“. Nur sei der provisorische Schwemmlandpfad nicht behindertengerecht, weshalb man einen Teil vom Grundstück von Michael S. für den breiten Weg enteignet habe. Gleichzeitig sei das Grundstück deutlich aufgewertet worden; S. habe viel mehr bauen dürfen als zuvor.

Auf dem Grundstück steht ein vierstöckiges Haus. Wo Land und Bezirk noch in diesem Jahr den Weg vollenden wollen, ist eine Wiese mit alten Bäumen. Die Schadensersatzforderung des Landes soll ziemlich genau so hoch sein wie die Entschädigung für S. Über die Summe „wird sicher noch zu streiten sein“, sagt Schulgen. „Aber wir dürfen Vermögensschäden für das Land nicht hinnehmen.“

Von der obskuren Schwemmlandbiege ist es ostwärts kaum eine halbe Joggingminute bis zum Ende des Weges: Wegen des Friedhofs muss auf die Teerstraße ausgewichen werden, die an der Spitze der Halbinsel ohnehin endet. Dann geht es auf der Nordseite zurück Richtung Friedrichshain. Auch hübsch, aber nicht ganz so wie auf der Südseite. Ein privates Wassergrundstück dort wäre wohl einfach zu schön, um wahr zu sein.

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