Halbmarathon : Einfach mal laufen gelassen

Halbmarathon in Berlin: Angefeuert von tausenden Fans hatten die Rollenden und Rennenden nur ein Ziel – das Rote Rathaus. Auf der Zielgeraden herrschte Volksfeststimmung.

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Kreuz und quer ging es für die mehr als 27.000 Sportler durch die Stadt.
Kreuz und quer ging es für die mehr als 27.000 Sportler durch die Stadt.Foto: dpa

Auch wer schnell rennen will, muss sich vorher nicht aus der Ruhe bringen lassen. Während zehntausende Läufer am Sonntagvormittag unter den Linden sehnsüchtig auf den Startschuss warten, steht Sven Asmussen noch mit seinem Fahrrad auf einem U-Bahnhof in Kreuzberg. Aufregung ist dem 35-Jährigen nicht anzumerken. „15 Minuten bis zum Start, das sollte zu schaffen sein“, sagt er und nimmt noch einen Schluck aus seiner Getränkedose. Seinen elektronischen Chip, mit dem die Laufzeiten gemessen werden, hat er schon am Sonnabend offiziell angemeldet. Er kann an der Startlinie also sofort loslaufen. „Für mich ist das heute eher ein Trainingslauf“, sagt er. Wofür? „Für den nächsten Ironman Triathlon.“

Insgesamt 27 051 Sportler sind an diesem Sonntag beim 30. Halbmarathon dabei. So viele wie nie zuvor. Um 10.30 Uhr stehen schon hunderte Zuschauer vor der Gedächtniskirche am Kurfürstendamm und applaudieren den heransausenden Inline-Skatern, die eine halbe Stunde vor den Läufern starten durften. Am Café Kranzler steht Eva Reimann mit ihrer zehnjährigen Tochter Maja im Nieselregen, sie warten auf den Freund der 31-Jährigen. In der einen Hand eine ratternde Rassel, in der anderen ein großes Schild: „Silvio, du schaffst das!“. Als er endlich vorbeirennt, jubeln und winken die beiden. „Letztes Mal hat er noch kurz für ein Küsschen angehalten, dieses Mal war dafür leider keine Zeit“, sagt Reimann. Kurze danach überholen die ersten Läufer die Nachzügler unter den Inline-Skatern. Dazwischen fegen die Rollstuhlfahrer mit ihren Handbikes über den nassen Asphalt. Viele Skater haben Kameras dabei und fotografieren die Stadt.

Einige Meter weiter am Wittenbergplatz wartet Familie Zimmermann auf Sohn Rico. Gerade blitzen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken und der Regen lässt endlich nach. Vater Arne hält ein rotes Sporttrikot an einem langen Stab in die Höhe. „In drei Minuten müsste er hier sein“, sagt er zu seiner Frau und den beiden Töchtern. „Rico ruft während des Laufens immer kurz an und sagt uns, wo er ist.“ Schnell drückt Mutter Zimmermann dem verschwitzten Sohn eine Flasche Wasser in die Hand. Dann geht es für die Familie zügig weiter zur Fischerinsel, um ihn nochmal anzufeuern – zum dritten Mal an diesem Tag.

Am Askanischen Platz, direkt vor der Tagesspiegel-Redaktion, hat Ilka Keuper mit zwei Freundinnen einen kleinen Gartentisch aufgebaut. Dutzende Plastikbecher mit Wasser, Salzstangen und Cola stehen darauf. „Wir sind sozusagen eine private Versorgungsstation“, sagt die 67-Jährige. Sie ist Mitglied beim Läufertreff „Wir in Bewegung“. Zehn Männer und Frauen sind heute angetreten und vertrauen auf die gute Versorgung der anderen Mitglieder. Aber auch Unbekannte werden von den drei Damen versorgt. „So lange noch etwas für unsere eigenen Leute übrig bleibt, ist das in Ordnung“, sagt Keuper und drückt einem schwer atmenden Mann ein Getränk in die Hand.

Auf der Zielgerade, hinter dem Roten Rathaus, herrscht inzwischen Volksfeststimmung. Cheerleader und Trommelgruppen feuern die Sportler auf den letzten hundert Metern an. Hinter der Ziellinie warten auf langen Tischen Berge von Marathon-Medaillen, die Helfer den erschöpften Sportlern umhängen. Knapp 20 000 haben es ins Ziel geschafft. Ein Läufer aus Spanien steht glücklich mit zwei Bierbechern am Ausgang. Er kann gar nicht fassen, dass hinter dem Ziel kostenlos Bier ausgeschenkt wird – alkoholfreies natürlich, das gilt als isotonischer Energiespender, wegen der Kalorien, des Natriums und Kohlenhydrate. Aber trotzdem – Bier? „So was kann es wirklich nur in Deutschland geben“, sagt er und nimmt noch einen Schluck.

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