Berlin : Halbwert

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die alten Steine der Jugend

Einmal muss es heraus, warum nicht jetzt. Ja, am besten gleich jetzt, denn beim nächsten Mal könnte es zu spät sein, weil es ein nächstes Mal nicht gibt. „This could be the last time“ – ganz recht, Mick. Also legen wir die Rock’n’-Roll-Beichte ab, das Bekenntnis größter Peinlichkeit, ohne die Gewissheit, je Absolution zu erhalten. Die allererste Erfahrung mit den Stones, die erste Erinnerung? Hat eigentlich jeder, in diesem Fall handelt es sich um ein kapitales Missverständnis. Und genau genommen dreht sich alles um die Konkurrenz, die Beatles. Es waren bekanntlich vier, das hatte sich sogar zu dem unwissenden Knaben herumgesprochen. Möglich, dass die ältere Kusine erste Platten besaß und heftig von den Fab Four schwärmte. Aber warum waren es manchmal fünf und sahen dann gar nicht mehr so brav aus, und die Musik klang plötzlich viel härter, schmutziger, wilder? Und warum riss der Sänger immer sein Maul so weit auf. Weder John noch Paul taten das. Wann dem Knäblein dämmerte, es handele sich um zwei Bands, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber der Lapsus gehört zu den frühen Jugenderinnerungen, Keim einer nahezu lebenslangen Beziehung, die gealtert ist wie die Stones – und wie man selbst. Logisch, dass alle Ulkereien jüngerer Rockanhänger, die Stones hätten ihre Halbwertzeit längst überschritten, bei Veteranen nur Widerspruch ernten. Was wäre dann mit uns selbst, nicht ganz so alt wie Mick, Keith, Ron und Charlie, aber ihnen an Jahren so nahe, dass man sie verteidigen muss gegen jugendliche Respektlosigkeit. Zumal es jetzt tatsächlich nur noch vier sind.

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