Berlin : Halbzeit auf der Expo: Unsere schöne Plattenstadt Hellersdorf ist grau und hässlich?

Kerstin Kohlenberg

Am Anfang war die Platte. Und das nicht zu knapp. 28 000 Wohnungen stehen in Hellersdorf auf 300 Hektar. Eine Riesenwohnungssoße, die pünktlich ein Jahr vor der Wende fertig wurde. Die ersten Mieter stapften in Gummistiefeln in ihre Wohnungen. Die Infrastruktur war - na ja, sagen wir mal: bescheiden. Dann kam die Wende und die Frage: Was machen mit einer solchen Großsiedlung?

Rudolf Kujath sitzt im Baukasten neben der U-Bahnstation Hellersdorf und wirft mit Kunst und Grün um sich. Genau darauf hat er bei der Entwicklung von Hellersdorf gesetzt. Grünflächen, Parks, künstliche Seen. Fassadenkunst, Kunst auf den Plätzen, Kunst auf dem Dach. Kujath ist der Geschäftsführer der WoGeHe, der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf, der fast das ganze Stadtviertel gehört.

Geplant war Hellersdorf ursprünglich zum Schlafen. Das Einkaufen spielte in der DDR-Planung von Hellersdorf eine untergeordnete Rolle. Die Aufgabe für Kujath war also klar: Die Schlafburg musste zu einer Stadt erweckt werden. Mit Geschäften, Grünflächen und unterschiedlichen Kiezen, denn nur wenn man sein Haus ohne große Anstrengung in der Masse der Platten wiedererkennt, kann sich ein Gefühl von "zu Hause" einstellen. Und nur dann fühlen sich die Leute wohl und wollen wohnen bleiben. Ein rotes Viertel entstand, ein Marktplatz, ein städtisches Viertel mit Fachhochschule und viele grüne Viertel. Das Projekt Hellersdorf fing an zu leben und ist nun, zehn Jahren danach, eines der beiden Berliner Expo-Projekte, das in Berlin und Hannover ausgestellt ist.

Old-Hellersdorf hatte allerding von Anfang an zwei Joker in der Plattentasche. Seine in der Regel nur sechs Stockwerke - im Gegensatz zu den mehr als zwanzig in Marzahn - und seine jungen, gut ausgebildeten Bewohner. Die Platten wirken nicht ganz so erschlagend, Einkommen und Bildung der Bewohner sind gut. Das mit den sechs Stockwerken war so allerdings gar nicht geplant, erzählt Kujath. Die DDR war aber Ende der achtziger Jahre schon so knapp bei Kasse, dass sie sich keine Aufzüge für die Häuser mehr leisten konnte, und ohne Aufzug waren nur sechs Stockwerke erlaubt. Das mit dem Alter und der Bildung war Planung. Sozialistische Einheitsplanung. Davon will Kujath jetzt so weit weg wie möglich. Das geht sogar so weit, dass er neuen Mietern anbietet, den Grundriss ihrer Wohnung selbst zu entwerfen. In einer Platte ist das möglich, denn dort gibt es außer den Außenwänden kaum tragende Wände, die stehen bleiben müssen. Um auch die Wohnungen im sechsten Stock voll zu kriegen, bietet die WoGeHe einen Kraxel-Bonus an. Wer kraxelt, kann die ersten sechs Monate mietfrei wohnen.

Weltweit leben 170 Millionen Menschen in Plattenbau-Großsiedlungen, aber nicht alle leben so gut wie die Berliner in Hellersdorf. Trotzdem stehen in Hellersdorf zehn Prozent der Wohnungen leer. Wichtig ist, dass man in Zukunft mit Hellersdorf eine gewisse Lebensqualität verbindet. Dann ist die Großsiedlung vor der größten Gefahr, der Verschlechterung ihrer Sozialstruktur, gerettet. Westler werden hier jedoch nie hinziehen, da ist sich Kujath ziemlich sicher. Die neuen Mieter kommen alle aus Marzahn, Lichtenberg oder Brandenburg. "Ach nee", Kujath spring auf,"stimmt ja gar nicht, wir haben ja einen Bonner! Und den pflegen wir auch."

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