Berlin : Hallo, Frau Schutzmann

Vor 25 Jahren gingen zum ersten Mal Polizistinnen auf Streife. Christiane Sydow war eine davon – und musste sich bestaunen lassen

Katja Füchsel

Das eingefrorene Grinsen, das hat Christiane Sydow in ihren ersten Jahren oft gesehen. Wenn sie sich ihren Weg zwischen all den Männern durch die Kneipe bahnte, den Schlagstock auf den Tresen knallte, um, wie sie sagt, ihre „Ansprache“ zu halten. Eine große Frau, Vereinsfußballerin, mit breitem Kreuz, tiefer Stimme – und eine von Berlins ersten Schutzpolizistinnen. Furcht erlaubt sich Christiane Sydow seit 25 Jahren gewissermaßen nur als privaten Luxus. „Ich steige in kein Flugzeug ein“, sagt die 50-jährige Hauptkommissarin, „da bin ich ein unheimlicher Angsthase.“

Es ist inzwischen einige Zeit her, dass Christiane Sydow das letzte Mal Funkstreife fuhr. Heute sitzt sie mittendrin, in einem Büro, das groß ist wie ein Fußballfeld und in dem es zugeht wie in einem Bienenstock: die Einsatz-Leitzentrale der Berliner Polizei. „Bleiben Se mal ganz ruhig“, schallt es aus der einen Ecke. „Anton Ida Nordpol?“, aus der anderen. „Vermisste Person? Wer fehlt, bitte?“, aus der dritten. Tasten klappern, Funkgeräte rauschen. Insgesamt 90 Leute arbeiten in der Leitzentrale, wo alle 110-Notrufe Berlins eingehen – und Christiane Sydow ist hier Chefin, eine von vier Wachtleitern. Fünf Sterne zieren ihre Uniform, passend zu den goldenen Ohrringen. An ihrer Frisur ist die Kommissarin schon von weitem zu erkennen: Christiane Sydow trägt das Haar dunkelrot, den Pony über der Stirn hat sie hellblond gefärbt.

Wenn etwas wirklich Großes passiert in der Stadt, wenn es auf Sekunden ankommt, muss Christiane Sydow in der Leitzentrale „die ersten Einsatzkräfte“ koordinieren. Wie im Februar 1999, als das israelische Generalkonsulat in Grunewald mit Waffengewalt gestürmt wurde und mehrere Menschen starben. „Das war für mich die heftigste Schicht hier.“

Christiane Sydow war eine Vorreiterin, ein Paradiesvogel in Uniform, als sie im Herbst 1980 als eine der ersten Frauen für die Schutzpolizei anfing. Mit 23 hatte sie bei der BfA noch als Sozialversicherungsangestellte gearbeitet, ein Job, der sich so trocken anfühlte wie er klang. Als Christiane Sydow in der Zeitung las, dass die Polizei künftig auch Frauen ausbilden will, kündigte sie und ließ sich in Ruhleben zum Dienst an der Waffe ausbilden. „Polizei fand ich schon als Kind toll.“ Bis 1980 gab es Frauen aber nur in der Kriminalpolizei, inzwischen sind Polizistinnen in Uniform alltäglich geworden: 2342 Beamtinnen verrichten derzeit ihren Dienst bei der Schutzpolizei. Etwa ein Viertel der rund 23500 Berliner Polizisten ist weiblich.

Für die Frauen sei vieles seitdem leichter geworden, sagt Christiane Sydow – schon alleine wegen der Uniform. Als Christiane Sydow auf der Straße noch tagtäglich bestaunt wurde, hatten die Polizeistiefel für die Frauen schicke Absätze, die Uniform-Hosen keine Taschen, und die Röcke waren so eng geschnitten, dass man sie jedes Mal hochraffen musste, wenn man in den Funkwagen steigen wollte. „Den hatte ich ein Mal an und danach nie wieder.“ Das Beste aber seien „diese schicken Käppis“ gewesen: Die Mützen mussten mit Nadeln am Haar befestigt werden, juckten und färbten auch noch ab. „Wenn’s regnete, hatte man grüne Haare“, sagt Sydow – und lacht ihr raues, kehliges Lachen.

An einem anderen Problem hat sich in 25 Jahren wenig geändert: Machogehabe und Anzüglichkeiten bis hin zur sexuellen Belästigung. Werden sie anonym befragt, klagen über 40 Prozent der Polizistinnen über das Verhalten ihrer Kollegen, doch offensiv geht kaum eine dagegen vor. Auch die Antworten von Christiane Sydow bleiben eher vage. „Manche mussten erst mal lernen, dass eine Polizistin zwar eine Frau ist, aber unantastbar.“ In schwierigen Situationen habe sich die Kneipen-Taktik aber auch im Funkwagen bewährt: „’ne deutliche Ansage – dann war gut.“ Ihre Funkstreifenzeit fand Christiane Sydow „toll, unheimlich schön“. Und wäre dieses Erlebnis mit dem Palisadenzaun nicht gewesen, würde sie vielleicht noch immer mit Pistole und Schlagstock durch die Straßen ziehen. Aber als Christiane damals einen Dieb zwei Blöcke lang verfolgt hatte und dann über diesen zwei Meter hohen Zaun gesprungen war, dachte sie: „Mit 50 schaffste das aber nicht mehr“.

Also schlug Christiane Sydow den Karriereweg ein, machte das Fachabitur, absolvierte ein Studium an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, ging dann als Lehrerin an die Landespolizeischule. Vor rund elf Jahren wechselte Christiane Sydow in die Leitzentrale, stieg auf zur Ersten Polizei-Hauptkommissarin, „weiter geht’s für mich nicht mehr“. Im höheren Dienst arbeiten bis heute bei der Polizei nur 35 Frauen in der Leitungsebene.

Jede Einzelne von ihnen kennt es vermutlich nur zu gut: dieses Seufzen der männlichen Kollegen, dieses Augenverdrehen und den ewig scheelen Blick, der fragt: „Was will die denn hier?“ Christiane Sydow sagt, dass die anfänglichen Machtkämpfe sie sechs Monate, viele schlaflose Nächte und endlose Diskussionen gekostet hätten. „Aber jetzt läuft alles ganz gut.“ Und deshalb denke sie nicht daran, sich früher als nötig pensionieren zu lassen – auch wenn ihr Mann, ein ehemaliger Polizist, schon seit ein paar Jahren im Ruhestand ist. Christiane Sydow winkt ab. „Der hat schließlich ’nen Garten, ’nen Hund und ein Hobby.“

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