Berlin : Hallo, Kollege, versteh’ doch: Die teilen Berlin Ein venezolanischer Journalist

erinnert sich an den Mauerbau

-

Da saßen sie im Restaurant Ganymed gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße und wunderten sich über Lastwagen auf Lastwagen, beladen mit Betonpfeilern und Stacheldraht. Ernesto Krieg, Korrespondent der venezolanischen Zeitung „El Nacional“, und seine vier Freunde bemerkten, dass da an diesem 12. August an der Zonengrenze etwas vor sich ging. Aber wie war das zu bewerten? Krieg rief bei seiner Zeitung an – und weiß heute noch, was der Mann in der Nachrichtenredaktion zu seinen Lastwagen mit Zaunpfählen sagte: „Was du mir da erzählst, bringt mir keine Zeile“, hörte er. Zaunpfähle? Nicht schlagzeilentauglich. Aber da geschah Ungeheuerliches an der Sektorengrenze, das sahen Korrespondent und seine MitBeobachter. Man habe „einige Flaschen Rotwein intus“ gehabt, sagt Ernesto Krieg – deshalb fiel es ihm leicht, die Meldung nach Caracas bedeutungsmäßig aufzurüsten. Damit der Nachrichtenredakteur verstand, worum es ging: Berlin werde gerade geteilt, berichtete er nun, dafür würden Pfähle und Stacheldraht gebraucht. Das reichte für die Titelseite des „Nacional“. Und für einen Rekord, den Krieg beansprucht: Sein Blatt habe als weltweit erstes die Teilung Berlins gemeldet.

Aber Ernesto Krieg hat zu viel erlebt, um den Mauermeldungsrekord als beruflichen Höhepunkt zu sehen. 1918 in Schlesien geboren, verbrachte er die späten 30er Jahre als Elektriker-Lehrling in Berlin. Durch einen glücklichen Zufall kam er an einen Nazi, der ihm, dem Juden aus dem Osten, einen Reisepass besorgte. Wäre ich geblieben, sagt er heute, hätte ich die Wahl gehabt, „ein Toter in Auschwitz zu sein oder in Stalingrad“. Er schaffte es nach Caracas, konnte sogar seine Eltern nachholen. Nach dem Krieg lebte er eine Zeit in den Vereinigten Staaten. Die Uno fand er „langweilig“, und weil sein Schreibtalent schon in Caracas aufgefallen war, ließ er sich als Korrespondent nach Berlin schicken. Bis Ende der 70er Jahre arbeitete er hier. Dass er nun noch einmal nach Berlin gekommen ist, hat mit seiner Wahlheimat Venezuela zu tun, der er sich verpflichtet fühlt. Er will hier Kontakte für die demokratische Bewegung knüpfen. Das Regime von Hugo Chavez erinnert ihn an die DDR. wvb.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben