Berlin : „Hallo, Seeotter! Kannst du mich anschubsen?“

Damit die Kohle zum Kraftwerk kommt: Mit 305 PS kämpfen Eisbrecher auf der Spree gegen den Frost

Stefan Jacobs

Wie eine alte Zahnradbahn rumpelt der Eisbrecher dem Morgen entgegen. Hinten glüht der Treptower golden in der Morgensonne, durchs halb vereiste Bugfenster sieht Thomas Redel die rosa Dampfwolke aus dem Kraftwerk Klingenberg über die tiefgefrorene Stadt ziehen. Es ist seine erste Fahrt heute. Um kurz nach sechs ist er mit seinem Kollegen Gerhard Pätzold an der Mühlendammschleuse nahe dem Nikolaiviertel gestartet. Elf Stunden lang werden sie sich durch die Spree kämpfen, damit es aus dem Kraftwerk weiter dampft. Denn wenn die Kohlenschiffe von Königs Wusterhausen nicht mehr durchkämen, würde es in zigtausenden Berliner Wohnungen bald ziemlich kalt werden.

Krachend bäumen sich die Schollen auf, rutschen übereinander, um zu immer dickeren Blöcken zusammenzufrieren. Bei minus 18 Grad Lufttemperatur dampft das kalte Spreewasser, sobald es an die Oberfläche schwappt. „Wir rühren hier mal ’n bisschen rum, damit der Bugsierer am Kraftwerk besser klar kommt“, sagt Redel ins Getöse hinein. Die Hilfe scheint nötig: Der Kraftwerkskäpten hat seine schwimmenden Kohlebehälter verteilt wie ein Kind sein Spielzeug: Einer hängt diagonal in der Einfahrt zum Kraftwerkshafen, ein anderer quer in der Spree. Hier schwimmt gewiss nichts weg.

„Hallo, Seeotter“, knarzt es aus dem Funkgerät. „Könntest du mich ein bisschen anschubsen, damit ich ’rumkomme?“ „Seeotter“ heißt der Eisbrecher, Baujahr 1973, leistungsstarke Heizung im Führerstand, 305 PS im Heck. Vorsichtig rammt Redel die Schubeinheit und drückt sie durchs knirschende Eis. Man hört jetzt zum ersten Mal, dass an Bord ein Radio läuft. „Danke, Seeotter“, sagt das Funkgerät. Redel dreht wieder um und poltert Richtung Innenstadt.

„Ist schon heftig dieses Jahr“, sagt er und schaut skeptisch auf den Drehzahlmesser. Nur noch 350 Umdrehungen schafft die Maschine, das Schiff wird immer langsamer. Weiße Risse schießen durch die Schollen. Hinten, wo die Schraube wühlt, schwankt das Eis – und bricht. Stecken bleiben kann man nicht, sagt Redel, „notfalls nimmt man eben noch mal Anlauf“.

Vor dem Bug tut sich ein Postkartenblick auf: Die rostrote Oberbaumbrücke mit gelber U-Bahn vor blauem Himmel. „Schöne Abwechslung ist das“, sagt Redel, der die meiste Zeit des Jahres einen Schlepper durch Berlin und Brandenburg fährt. Diesen Teil der Spree räumt er nur, damit sich die von der Strömung getriebenen Schollen nicht vor der Kraftwerkseinfahrt oder an der nächsten Brücke stauen und zu einem Wall auftürmen. Sechs, sieben Touren schafft er an einem Tag. Das Wasser, das am Bug hochspritzt, gefriert in der Luft. Jeden Tag wird der Eispanzer auf dem „Seeotter“ dicker. Der auf der Spree auch. Auf der Oberbaumbrücke bleiben die Fußgänger stehen und schauen auf den Eisbrecher. Nach einer Minute liegen die Schollen wieder still. Glitzernde Kristallfäden ziehen sich von einer zur anderen, alles wächst zusammen. Noch ist der „Seeotter“ stärker als der Frost.

Thomas Redel (oberes Bild) und Gerhard Pätzold halten die Spree von Mitte bis Treptow frei. Zwischen Köpenick und Königs Wusterhausen sind drei weitere Eisbrecher im Einsatz, ein fünfter im Westteil der Stadt. Im Umland sind fast alle Wasserwege gesperrt.

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