Berlin : Hallo, Ungarn!

Zwei aus einem Bezirk: Ein Olympiasieger und ein Eis-Hersteller hängen an ihrem Randbezirk. Ronald Rauhe bleibt, obwohl er junges Leben vermisst.

André Görke

Neulich war Ronald Rauhe im Städtchen Szeged, tief in Ungarn, dort hatten sie die Kanu-WM organisiert. Eines Abends schlüpfte er in seine Jeans und schaute sich die Altstadt an. „Das war wunderschön dort“, sagt er. „Ich habe die sanierten Häuschen gesehen und die jungen Menschen, die in den Cocktailbars saßen – da dachte ich, warum ist das in Spandau nicht möglich?“

Spandau ist Rauhes Heimat. Der 24-jährige Spitzenathlet hat die Welt gesehen, war bei Europameisterschaften dabei, hat Gold bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen geholt. Zurückgekehrt ist er immer. „Ich könnte den Bezirk nicht verlassen“, sagt er.

Rauhe wohnt im Ortsteil Staaken, ganz weit im Westen, da, wo es zu DDR-Zeiten nicht mehr weiter ging. Heute kann man über die sanierte Bundesstraße B 5 brettern, und keine Mauer hält die Menschen mehr auf. Nicht mehr so richtig weiterzugehen scheint es nur noch mit dem Bezirk selbst, mit Spandau. Klar, es gibt die Havel, die Wälder, die Wiesen, alles wunderbar zum Entspannen. „Und doch fehlt mir an Spandau ein bisschen mehr Lebenskultur“, sagt Rauhe. Beispielsweise gute Cocktailbars mit entspanntem Publikum, Läden wie in Schöneberg oder Prenzlauer Berg.

Rauhe ist in Spandau geboren. Seine Eltern wohnen dort. Er ist in Spandau zur Schule gegangen, sein erster Kanu-Verein war in Spandau. Und die neue große Wohnung, die er sich mit seiner Freundin teilt, sollte eben auch in Spandau liegen. Trotzdem stört ihn manches an seinem Bezirk. Täuscht denn der Eindruck, dass Spandau immer älter wird? Und ärmer? Dass, wer Geld hat, ins Umland zieht – nach Seeburg oder Falkensee oder zumindest in ein kleines Häuschen nach Kladow, in den Süden des Bezirks?

Spandaus Arbeitslosenquote liegt bei 21,6 Prozent. Damit steht der Bezirk weit vorn in einer Stadt, deren Durchschnittswert bei 17,4 Prozent liegt.

Rauhe mag seinen Bezirk, sehr sogar. Moment, er kenne da eine gute Cocktailbar. Gut, es ist die einzige, aber im „Mississippi“ könne man es schon mal einen Abend aushalten.

Obwohl: nicht jeden Abend, schon gar nicht in der ruhigen Altstadt. Also setzen sich an den Wochenenden die jungen Spandauer in die S-Bahn und fahren „in die Stadt“. Wer im eigenen Bezirk bleibt, muss sich mit den Kneipen begnügen, die einen Flipperautomaten haben und „oft eher etwas prollig“ sind, sagt Rauhe. Ja doch, er mag seinen Bezirk. Er hat für junge Menschen nur diesen einen Makel, vor allem jetzt, wenn man abends auch nicht mehr an der Havel sitzen mag.

Die Alternative ist „die Stadt“. Mit Bus und S-Bahn geht’s nach Friedrichshain, Warschauer Straße. Fahrzeit: eine satte Stunde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar