Handel : Letzte Hoffnung Ausverkauf: Musik-Riedel doch vor Ruin

Die Wall AG wollte die Musikalienhandlung mit einem Großkauf retten Es erschien wie ein Märchen. Aber daraus ist nun nichts geworden.

Christoph Stollowsky

Die Geigerin von den Kanarischen Inseln kauft wie im Rausch gleich einen ganzen Stapel Sonaten von Haydn und Schubert, obwohl sie bei ihrer Stippvisite in Berlin nur drei Partituren erwerben wollte. Die Klavierstudentin von der Hochschule der Künste stöbert eine Stunde in den Regalen und schwärmt von einer „super Gelegenheit“: Ausverkauf in Berlins traditionsreicher Musikalienhandlung Riedel in der Uhlandstraße in Wilmersdorf.

Das Geschäft steht erneut vor der Pleite, obwohl es zu Beginn des Jahres schien, als seien die Finanzprobleme gelöst. Damals meldete der Familienbetrieb Insolvenz an und erlebte ein modernes Märchen: Der Unternehmer Hans Wall startete eine Hilfsaktion. Er wollte Noten im Wert von 100 000 Euro kaufen. Aber das Märchen nahm ein schlechtes Ende.

„Rettung per Telefon!“ titelten Anfang Januar die Medien. Denn kaum hatte Firmenchef Hans-Wolfgang Riedel die Insolvenz bekannt gegeben, erhielter einen Anruf vom Senior-Chef der Stadtmöblierungsfirma Wall, Hans Wall. Der kündigte das größte Geschäft in der 97-jährigen Geschichte des Ladens an. Wall versprach spontan, er wolle eine Gesamtausgabe von 40 großen Komponisten für 100 000 Euro kaufen und diese dem Konservatorium für Musik in Sankt Petersburg schenken. Riedel konnte es damals kaum fassen. Er sah sich „fürs Erste wieder flüssig.“

In Nachtaktionen habe man die Werksausgabe verpackt, erzählte der Musikalien-Händler gestern. Doch umsonst. Die Finanzspritze sei nicht überwiesen worden. Stattdessen habe die Wall AG im Frühsommer eine Garantie verlangt, dass sein Laden mit Hilfe des in Aussicht gestellten Geldes wirklich überleben könne. Nur in diesem Fall wolle man zahlen. „Das konnte ich nicht“, sagte Riedel, „es gab zu große finanzielle Unwägbarkeiten.“

Aus Sicht von Hans Wall sind diese Unwägbarkeiten heute „ein Fass ohne Boden“. Er habe sich nach seiner spontanen Hilfsaktion erst einmal genauer mit den Bilanzen der Musikalienhandlung beschäftigt und erkannt, „dass selbst ein fünffacher Unterstützungsbetrag nicht zur dauerhaften Rettung reichen würde“. Sein Vorschlag, einen finanzstarken Partner ins Geschäft zu holen, habe Riedel abgelehnt. „Deshalb sah ich keine Perspektive, ich verschenke mein Geld ja nicht mit der Gießkanne“, sagte Wall.

Hans-Wolfgang Riedel hat trotzdem noch Hoffnung. Er versucht nun, mit Rabatt seine riesigen antiquarischen Notenbestände zu verkaufen und haut dafür werbemäßig kräftig auf die Pauke: „Diese Partituren sind eine Million Euro wert. Wenn wir die versilbern, sind wir gerettet.“

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