Berlin : Handeln – mit Augenmaß

Wie Berlin mit Scientology umgehen sollte

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Von Jürgen Dittberner Die Scientologen haben in Charlottenburg eine Geschäftsstelle eröffnet, die sie „Kirche“ nennen. Nach deutscher Rechtsprechung sind die Scientologen keine Kirche. Nach unserem Verständnis handelt es sich bei den Scientologen vornehm ausgedrückt: um eine Gesinnungsgemeinschaft, die nach den Regeln ihres Gründers L. Ron Hubbard – einem Science-Fiction-Autor – Mitglieder mit Psychotechniken wie „Auditing“ oder fragwürdigen Gerätschaften wie dem „E-Meter“ an sich binden und viel Geld einnehmen soll. Die Resonanz in Deutschland ist eher gering; in Berlin soll Scientology zwischen 200 und 1000 Anhänger haben. Nach der Eröffnung der Einrichtung in Berlin ist die Öffentlichkeit besorgt – besonders Anwohner fürchten sozialen Druck, vor allem auf Kinder.

Was ist aus liberaler Sicht zu dieser Organisation zu sagen, was ist zu tun?

1. Obwohl Scientology anderswo von Verfassungsschützern beobachtet wird, obwohl es in Hamburg eine staatliche Arbeitsgruppe zur Aufklärung gibt, handelt sich um eine legale Organisation, der die Behörden schwerlich etwa das Anmieten von Immobilien verbieten können.

Da die Scientologen keine Religionsgemeinschaft sind, ist die Bezeichnung „Kirche“ eigentlich irreführend. Es ist zu prüfen, ob man den Schriftzug unterbinden kann, denn in Deutschland assoziieren viele Menschen mit dem Wort „Kirche“ – wenn auch nicht immer zu Recht – Gutes und Gerechtes.

2. Es scheint mithin so zu sein, dass Berlin die Präsenz von Scientology in der Otto-Suhr-Allee hinnehmen und nun deshalb prüfen muss, wie man damit umgehen und insbesondere wie man vermeiden kann, dass die Bürger durch Psychodruck gefährdet werden.

Aus liberaler Sicht darf keine Organisation versuchen, Menschen physisch oder psychisch abhängig zu machen. Deswegen endet die Freiheit Einzelner da, wo jemand andere in Abhängigkeit bringt, und deswegen hat das Land Berlin einschließlich des Bezirkes die Pflicht zu untersuchen, in welcher Weise Bürger durch das Zentrum in Charlottenburg gefährdet werden können. Auch die Finanzquellen der Organisation müssten offen- gelegt werden: Woher kommt das viele Geld, das Scientology investiert?

Darüber hinaus sollte das Bezirksamt aktiv werden und sich am Bezirk Mitte in Hamburg orientieren. Dort ist Scientology untersagt worden, dass ihre Mitglieder Passanten ansprechen oder auf sonstige Weise so zu beeinflussen, dass sie Bücher, Zeitschriften oder Broschüren entgegennehmen oder kaufen.

Das Bezirksamt sollte festhalten an der Linie, Scientology mit „Verantwortung und Augenmaß“ zu begegnen. Deutschland und Europa haben erlebt, dass „politische“ und auch sich auf Gott berufende „Religionen“ Menschen indoktrinieren und psychisch abhängig machen können. Die USA leiten ihre Herkunft unter anderem vom Wirken solcher Glaubensgemeinschaften ab, die in Europa verfolgt und zum Auswandern genötigt wurden. Sie sind daher ungezwungener gegenüber Einrichtungen wie Scientology. Wir sollten das nicht verurteilen, sondern den Dialog darüber suchen.

Jürgen Dittberner ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Potsdam und Fraktionsvorsitzender der FDP in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf.

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