Berlin : Handwerker-Proteste: "Die Kraft ist begrenzt, unser Wille unendlich"

Lothar Heinke

Offiziell ist das hier, direkt unter dem hohen Fahnenmast auf dem Platz des 18. März neben dem Brandenburger Tor, eine "Versammlung unter freiem Himmel". So steht es, fein getippt, unter dem Briefkopf des Polizeipräsidenten von Berlin. Tage der Versammlung: 4. 9. bis 3. 11., Versammlungsthema: "Zahlungsmoral und Auswirkung". Alles in Ordnung, mit Stempel und Unterschrift. Für den Fall, dass da einer vorbeikommt und bewiesen haben möchte, ob bei diesem Sitz- und Hungerstreik dreier Handwerkerfrauen alles mit rechten Dingen zugeht am heiligen Tor in der Zeit der Jubelfeiern zur zehn Jahre währenden Einheit unseres Vaterlandes.

Eine merkwürdige Versammlung: Vier Liegen stehen auf Ziegelsteinen, wegen der Kälte, diesem nächtlichen Feind. Auf den Betten türmen sich zerwühlte Schlafsäcke; spät abends, ab halb Zehn, liegen Plastikbahnen darüber, so dass der etwas erschrockene, auf jeden Fall aber nachdenkliche Flaneur ratlos sich für einen Moment fragt, ob denn unter diesen Decken etwas ist. Ein lebendes Wesen, jemand, der sich Wind und Wetter aussetzt an diesem Platz gegenüber dem Tiergarten, oder ob er seine Ruhestatt verlassen hat, um ins Warme zu gehen, in ein Hotel vielleicht.

Nicht gerade in eine nahe vornehme Suite im "Adlon", aber irgendwo, wo es den Menschen, der nicht gerade unter Brücken und auf Parkbänken schläft, hintreibt, wenn sich die Kälte über die Dunkelheit legt. Aber dann bewegt sich eine dieser Decken, eine Hand greift ins Freie, verschwindet sogleich unter der Plane, und wieder ist es still.

Bei Regen ist das Tor tabu

Der Mann vom Wachdienst, der die Nacht damit verbringt, seine Runden zum Wohl des Tores zu drehen, hat sich mit den Frauen unter den Decken längst angefreundet. Sie imponieren ihm. Er spricht mit Achtung von den "Müttern und Ehefrauen, die hier für ihre Männer und Betriebe im Hungerstreik liegen, auch bei Regen". Aber, bei aller Sympathie, auch wenn es schüttet, dürfen die Frauen nicht einfach mit ihren Betten unter das steinerne Tor-Dach ziehen, "das ist verboten, die Genehmigung gilt nur für den Platz, aber nicht für den Tor-Bereich". Dabei sind die Nächte am schlimmsten: "Wir schlafen nicht, wir ruhen bloß", sagt Monika Schönemann aus Erfurt, und Monika Wieske aus Wittstock an der Dosse bietet uns eine kleine Tablette Dextro-Energen an: "Das ist unser Schnitzel. Man könnte auch Kotelett dazu sagen".

Die Frauen sitzen hier nicht nur für ihre Männer, denen sie alle Neuigkeiten mit dem Handy übermitteln, sondern "für die vielen anderen, die in der gleichen Lage sind wie wir: Eine geradezu kriminelle Zahlungsmoral von Auftraggebern und eine ungenügende gesetzliche Absicherung der Auftragnehmer wurden für uns und unsere Beschäftigten zur Existenzfrage". Schönemanns Heizungsbaufirma "samt Haus und Hof" wurde dadurch in den Ruin gestürzt, dass ein Auftraggeber Pleite ging und 300 000 Mark an Außenständen nicht bezahlte, Monika Wieskes Straßenbaufirma verlor so die doppelte Summe: "Wir haben für andere die Bank von England gespielt".

Vor sich haben die Handwerkerinnen Schilder und Plakate mit Zahlen und Tatbeständen, sie haben die Namen der Schuldigen genannt - einer, der einem Handwerker für einen Großauftrag über vier Millionen Mark schuldig geblieben ist und sich hier an den Pranger gestellt fühlt, wedelt schon mit einer einstweiligen Verfügung samt Strafandrohung von 500 000 Mark. "Das Schild bleibt!", sagen die Frauen - Gefängnis wäre gemütlich gegen diesen Hungerstreik auf dem Berliner Präsentierteller.

Tausende haben sie auf ihrer Bettkante sitzen sehen, "achtundneunzig Prozent" sagen: Haltet durch! (und gehen weiter). Einige weinen mit ihnen. Hunderte haben schon durch ihre Unterschrift einen Aufruf unterstützt, in dem auch ein Soforthilfefonds für alle Kleinbetriebe gefordert wird, die unschuldig wegen des Ausbleibens von beträchtlichem Geld für erbrachte Leistungen in Not geraten sind. Und alle Bundestagsabgeordneten erhielten einen Brief, in dem die Handwerkerfrauen bekräftigen: "Unsere Kraft ist begrenzt, aber unser Wille unendlich. Wir sind bereit, diesen Hungerstreik bis zum bitteren Ende zu führen".

Prominenz kam, sah und ging

Beim ersten Streik vor einigen Monaten hat Monika Schönemann in vier Wochen 22 Pfund abgenommen. Jetzt, diesmal, spürt die 58-Jährige mit den Jeans und der braunen Strickjacke schon eine große körperliche Schwäche. Nur noch einmal am Tag geht sie langsam zum ARD-Studio in die Wilhelmstraße, wo sich die Streikfrauen waschen, ihre Handys aufladen und aufs Klo gehen dürfen. Statt zu essen trinken sie, etwa vier Liter am Tag, vor allem Obstsäfte und Tee, manchmal kommen schon mal die Männer vom Roten Kreuz vorbei und fragen, ob und wie es denn noch geht.

Auch Prominenz kam gucken, und das ist ja der Sinn dieses Standorts, an dem die Bundestagsabgeordneten vorüberhasten: "Der Pflüger von der CDU hat uns den Entwurf einer Kleinen Anfrage gebracht, der Gysi hat hier geredet, Herr Türk von der FDP will uns helfen, Heiner Geißler will wiederkommen, und Regine Hildebrandt hatte vier Sätze für uns übrig: Keine Zeit! Keine Zeit! Wählt SPD! Wählt SPD! Für die Vertreter ausländischer Zeitungen, die über zehn heile deutsche Einheitsjahre berichten wollen, sind wir natürlich ein gefundenes Fressen: BBC war da, Italien, Kanada, Dänen und Russen, die wollten uns sogar Geld spenden. Ausgerechnet die Russen!"

"Hunger hatten wir nur bis zum fünften Tag", sagt Monika Schönemann, "aber jetzt könnte mir einer ein Kotelett unter die Nase halten - es stört mich nicht". Nächstens, am 3. Oktober, benötigen sie dennoch starke Nerven: Solch Schandfleck wie dieses Nachtlager am Tor soll den Nationalfeiertag nicht verunzieren. "Wir müssen mit unseren Betten hier weg, ein Stück Richtung Behrenstraße - direkt ans Tor, also vor unsere Nasen, kommen dann einige Bratwurststände." Und daneben liegt dann wieder dieses Schild: "Vor zehn Jahren voller Hoffnung - heute ohne Existenz."

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