Berlin : Handy-Tickets: Kampf der Systeme

BVG-Entscheidung erschwert bundesweite Lösung Anderer Anbieter bislang weiter verbreitet

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Trotz aller Kritik – der BVG-Sprecher bleibt dabei: „Wir gehen davon aus, dass unser System das bessere ist“, sagt Klaus Wazlak über das umstrittene Touch&Travel-System der Deutschen Bahn, für das sich die BVG entschieden hat, um künftig auch ein Handy-Ticket anbieten zu können. Wazlak geht sogar noch weiter und kritisiert die deutsche „Kleinstaaterei“ bei Handy-Tickets. Die meisten Nahverkehrsunternehmen setzen derzeit auf das von ihrem Dachverband VDV koordinierte Projekt Handy Ticket Deutschland. Ein bundeseinheitlicher Standard rückt durch die Entscheidung der BVG in weitere Ferne.

Dabei ist das neue Berliner Handy-Ticket bei Datenschützern ebenso wie bei Verbrauchern auf Kritik gestoßen. Bewegungsprofile der Fahrgäste werden per GPS und Mobilfunkdaten erfasst und sechs Monate gespeichert. Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix fordert eine anonyme Variante. Außerdem kann Touch&Travel nur mit modernen Smartphones genutzt werden, funktioniert nicht bei Gruppentickets und ist vorerst nur für Kunden der Mobilfunkbetreiber Telekom und Vodafone verfügbar. Vergisst man, sich beim Fahrtende abzumelden, ist ein umständlicher Abgleich der verschlüsselt gespeicherten Daten nötig.

Beim Handy Ticket Deutschland ist das alles einfacher. Auch hier müssen sich die Teilnehmer wegen der späteren Rechnungsstellung oder Abbuchung von einem Pre-Paid-Konto registrieren. Für das An- und Abmelden reichen aber klassische Mobiltelefone mit Internetfunktion. Über eine Auskunftsfunktion kann man zwar Verbindungen abfragen. Gespeichert wird aber nur die Art des anschließend gekauften Fahrscheins, der auf das Handy gesendet wird, so Projektsprecher Hendrik Wagner vom Verkehrsverbund Oberelbe in Dresden. Auch Gruppentickets sind buchbar.

Während sich am Touch&Travel-Programm der Bahn bisher nur 10 000 Testkunden beteiligten, ging das Handy Ticket Deutschland im letzten November nach vierjähriger Pilotphase in den Regelbetrieb. Von Hamburg bis Freiburg nutzen bereits 14 Verkehrsverbünde das Projekt. In ihren Einzugsgebieten lebt gut ein Viertel der 82 Millionen Bundesbürger. Ähnliche, aber unabhängige Systeme gibt es beispielsweise beim Rhein-Neckar-Verkehr (Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg) und beim Karlsruher Verkehrsverbund. Ebenso im Rhein- Main-Gebiet, wo Touch & Travel ab November zusätzlich eingeführt werden soll. Das würde erstmals eine Verknüpfung unterschiedlicher Systeme bedeuten. Ziel müsse ein bundesweit einheitliches Angebot sein, so Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.

Mit der Ausweitung von Touch&Travel auf Berlin und bald auch das Rhein-Main-Gebiet erwarte man sich einen Sogeffekt, der auch andere Verkehrsträger aufspringen lässt, sagt BVG- Sprecher Wazlak. Die Sicherheit der aufgezeichneten Bewegungsprofile sei durch die Bahn als Systemführer gewährleistet.

Wazlak sagt aber auch, dass neben „dem besonderen Charme einer Zusammenarbeit der beiden größten deutschen Verkehrsunternehmen“ für die defizitäre BVG auch finanzielle Aspekte bei der Entscheidung für Touch&Travel eine Rolle gespielt haben. „Das Angebot der Bahn ist das wirtschaftlichste.“

In den Niederlanden geht man derweil einen ganz anderen Weg. Landesweit wird eine Chipkarte für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr eingeführt. Sie ist bereits das einzige Zahlungsmittel für die Metro in Amsterdam und Rotterdam. Die Bezahlung erfolgt per Monatsrechnung. Eine anonyme Version kann an einer Vielzahl von Automaten aufgeladen werden. Der Fahrpreis wird dann vom Guthaben abgezogen. Rainer W. During

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